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Religion : Hindus und Moslems - die ungleichen Rivalen

  • -Aktualisiert am

Indologe Jürgenmeier: "Politische Strippenzieher am Werk" Bild: dpa

Ein geplanter Tempelbau erschüttert den Frieden zwischen Muslimen und Hindus in Indien.

          2 Min.

          Nur zwölf Prozent der indischen Bevölkerung sind Muslime. Und doch ist das Misstrauen der Hindus gegen diese 100 Millionen Menschen zählende Minderheit aus historischen Gründen groß. Jetzt werden die Muslime von den Hindus durch die Pläne für einen Tempelbau provoziert.

          Indien, dieser Subkontinent mit einer Milliarde Menschen, erregt nur selten durch Fanatiker Aufsehen. Hindus und Muslime scheinen einigermaßen friedlich miteinander auszukommen. Doch unter der Oberfläche friedlichen Zusammenlebens schwelt das Misstrauen.

          Im Dezember 1992 erlitt Indiens Ruf als säkularer Staat einen schweren Schlag. Tausende fanatischer Hindus stürmten damals im nordindischen Ayodhya eine Moschee, an deren Stelle fundamentalistische Hindu-Organisationen einen Tempel zu Ehren des Gottes Rama errichten wollen. Mit dem Ruf "Lang lebe Rama" hissten sie safrangelbe Fahnen und rissen dann nach einander die drei Kuppeln der Moschee ein. Bei den anschließenden Ausschreitungen starben in verschiedenen Landesteilen Indiens 2.000 Menschen.

          Ein „Heiliger Mann” der Hindus lauscht anti-muslimischen Parolen
          Ein „Heiliger Mann” der Hindus lauscht anti-muslimischen Parolen : Bild: AP

          Wie kam es zu den Krawallen?

          Die Hindus glauben, dass in Ayodhya der Gott Rama geboren wurde - neben Krishna eine der Verkörperungen von Vishnu und damit eine der Hauptgottheiten im polytheistischen Pantheon der Hindus. Sie vermuten auch, dass in Ayodhya ein Rama-Tempel stand - jedenfalls solange, bis im 16. Jahrhundert aus Zentralasien die muslimischen Mogule in Indien einfielen und an derselben Stelle eine Moschee errichteten. Unter seriösen Historikern und Archäologen ist diese Lokalisierung höchst umstritten. Doch auf die hören die religiösen Schwärmer - allen voran die der Hindu-Weltbund VHP - am allerwenigsten.

          Das erste islamische Reich auf indischem Boden entstand unter Mahmud von Ghazna im 11. Jahrhundert im Punjab. Dort leben heute noch die meisten Muslime Indiens. Im Jahr 1206 entstand das Sultanat von Delhi. Es umfasste ganze Nordindien und bestand bis zur Eroberung durch die Mogule 1526. Die ebenfalls muslimischen Mogule entfalteten eine prächtige Herrschaft im Norden Indiens. Ihnen verdankt das Land das Taj Mahal und viele seiner schönsten Grabmäler, Moscheen, Paläste und Forts. Doch auch unter islamischer Herrschaft blieben die Muslime eine Minderheit.

          Als im Zuge der indischen Unabhängigkeit für die Muslime Pakistan gegründet wurde, wanderten viele Millionen Muslime aus. Jene die blieben, werden seither von den Hindus misstrauisch beäugt. Das Misstrauen wird dadurch verstärkt, dass sich die Muslime, deren Religion eigentlich egalitär ausgerichtet ist, ein eigenes, sehr grobes Kastensystem zulegten, das dem haarklein ausdifferenzierten Schichtsystem der Hindus nicht anzupassen ist. So leben die beiden Religionen aneinander vorbei und kultivieren dabei fröhlich ihre Vorurteile. Die Hindus sagen etwa über die Muslime, dass sie schmutzig seien. Außerdem ärgern sich die Hindus darüber, dass sich die Moslems der strengen Geburtenkontrolle nicht unterordnen.

          Sehnsucht nach einer Hindu-Identität

          Durch den Kaschmir-Konflikt mit Pakistan hat sich das Verhältnis zwischen den beiden Religionen in Indien noch einmal verschlechtert. Die Hindus vermuten, dass die indischen Muslime heimlich zu Pakistan halten. Extreme Hindu-Gruppen forcieren vor diesem Hintergrund die Herausbildung einer Hindu-Identität. Dazu gehört auch der Tempelbau von Ayodhya. Mehr denn je scheinen Organisationen wie VHP jetzt gewillt, den Tempel zu bauen. Sie haben sogar schon begonnen, die dafür notwendigen Steine zu weihen. Indiens Muslime, ohnehin schon eingeschüchtert, werden wieder einmal nervös.

          Betreten sehen all jene zu, die schockiert darüber sind, was im Namen des Gottes Rama passiert, genauso wie friedliche Muslime nur fassungslos darüber sein können, wofür Allah schon herhalten musste.

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