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Religion : „Brüder und Schwestern“ - Streit um eine neue Bibel-Übersetzung

„Kein Jota”, kein einziger Buchstabe solle in der Heiligen Schrift geändert werden, hieß es einst Bild: dpa

Eine Bibel-Übersetzung sorgt in Amerika für Aufregung. Der Vorwurf: Was "Geschlechts-korrekt" und zeitgemäß gemeint ist, verzerre die Aussagen.

          Gott ist männlich - daran will die als „Geschlechter-korrekt“ angekündigte Neuausgabe von Amerikas Bestseller-Bibel nicht rütteln.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Was die englischsprachige Kirchenwelt jetzt schon in Aufruhr versetzt, obwohl das Neue Testament unter dem Titel „Today's New International Version“ erst im April in die Buchläden kommt: Die emanzipierte Aktualisierung macht aus „Brüdern“ künftig „Brüder und Schwestern“ und aus „Söhnen Gottes“ nun „Kinder Gottes“. Die Übersetzung sei fehlerhaft und verzerre die Bedeutung, kritisieren konservative Kirchengruppen.

          Zwei Millionen Dollar für eine zeitgemäße Übersetzung

          Rund zwei Millionen Dollar haben die Herausgeber - der Zondervan Verlag in Grand Rapids im Bundesstaat Michigan und die Internationale Bibelgesellschaft (IBS) mit Sitz in Colorado Springs - in die neue Ausgabe investiert. „Wir glauben fest daran, mit der heutigen Generation in dem Englisch kommunizieren zu müssen, das sie lernen und sprechen“, sagt IBS-Präsident Peter Bradley. Die Heilige Schrift müsse klar verständlich präsentiert werden und die Umgangssprache widerspiegeln. „Sie verlangen ja im Kaufhaus auch nicht mehr nach Umhang oder Tunika, sondern nach Mantel und Hemd“, sagt Pressesprecher Larry Lincoln.

          Insgesamt wurden im Vergleich zur alten Ausgabe, von der seit 1978 rund 150 Millionen Exemplare verkauft wurden, sieben Prozent des Wortlauts geändert. Ein Zehntel der Neuerungen sind nach Angaben der Herausgeber geschlechtsbedingte Korrekturen. Wenn aus dem Kontext der aramäischen, hebräischen und griechischen Quellen hervorgehe, dass Männer und Frauen angesprochen werden, sei die weibliche Formulierung ergänzt oder ein neutraler Ausdruck gewählt worden: Statt „Männer“ heißt es etwa „einige“.

          Verzerrung: Wer trägt Verantwortung für den Tod Jesu?

          Darüber hinaus änderten die Übersetzer altertümliche Ausdrücke wie „zur sechsten Stunde“ dem modernen Zeitverständnis entsprechend durch „mittags“. Der Begriff „Juden“ wurde durch „Anführer der Juden“ ersetzt, wenn nicht das gesamte jüdische Volk gemeint sein sollte. Darin sieht der Council of Biblical Manhood and Womanhood (CBMW) in Louisville eine gravierende Bedeutungsverzerrung. In den griechischen Manuskripten sei das Wort Anführer nicht enthalten. Ein entsprechendes Hinzufügen entlasse die einfachen Leute aus der Verantwortung für Jesu Tod.

          „Wir glauben, dass die Bibel das Wort Gottes ist. Es ist gefährlich, diese Dinge vorsätzlich zu verändern“, sagt CBMW- Geschäftsführer Randy Stinson. Die 1987 gegründete Organisation betreibt Bibellehre für Männer und Frauen, „gleichberechtigt im Angesicht Gottes, aber unterschiedlich in Rolle und Funktion.“ Knapp 40 Theologen aus den USA, England und Singapur haben sich auf Betreiben der CBMW in einer Erklärung gegen die Verbreitung des neuen Textes ausgesprochen. Darunter ist auch James Dobson, Präsident des evangelischen Vereins Focus on the Family, dessen tägliche Radiosendungen von rund 4.400 Rundfunkstationen ausgestrahlt werden. Er sei enttäuscht, dass die Internationale Bibelgesellschaft sich derartige „Freiheiten“ mit dem Wort Gottes erlaube.

          Deutsche Bibelübersetzung in Vorbereitung: "Hirten und Hirtinnen"

          „Wir haben unsere Mission zu erfüllen“, weist IBS-Pressesprecher Larry Lincoln die Vorwürfe zurück. Eine altertümelnde Sprache könne leicht vom modernen Inhalt der Bibel ablenken. Keiner solle jedoch gezwungen werden, die neuen Bibelübersetzung zu nutzen. Das Vorgängerwerk werde weiter gedruckt und vertrieben.

          In deutscher Sprache gibt es mit der „Gute-Nachricht-Bibel“ bereits eine Ausgabe, die sich um eine möglichst „Geschlechter-neutrale“ Sprache bemühe, sagt Ralf Thomas Müller, Pressesprecher der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart. Seit 1997 erscheint dieses Werk und hat es bisher auf eine Auflage von 900.000 Exemplaren gebracht. „Ein noch weitergehenderes Projekt wird derzeit von der Hessisch-Nassauischen Kirche angegangen“, teilte Miller mit. Dort sei dann in der Übersetzung sogar von „Hirten und Hirtinnen“ die Rede. Nach Angaben der Deutschen Bibelgesellschaft gibt es derzeit 2.287 Bibel- Übersetzungen weltweit, 363 davon als Gesamtausgaben des Alten und Neuen Testaments.

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