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Religion im Tierreich : Animal Symbolicum

Man kommt sich näher: Affe und Affe, aber auch Affe und Mensch. Bild: dpa

Gibt es spirituelle Affen? Kannte man bisher nur aus Pierre Boulles „Planet der Affen“. Dann machte eine Forscherin im Urwald von Guinea eine kuriose Entdeckung.

          Die Grenze zwischen Mensch und Tier ist nicht sehr fest. Angesichts von nur wenigen Prozent Unterschied im genetischen Material bezweifeln Vertreter der Human-Animal Studies seit geraumer Zeit, dass sie überhaupt noch länger zu halten ist. Es droht dann jedoch keine unkontrollierte Masseneinwanderung von Eisbären und Säbelzahntigern, denen die Wetterkapriolen in ihren natürlichen Lebensräumen übel mitspielen. Und Integration muss nicht immer scheitern: Im Frankfurter Grüngürtel hat sich ein Heer von Kaninchen prima integriert und hoppelt fröhlich von Höhle zu Höhle.

          Ein Integrationshindernis gibt es im Tierreich nämlich nicht: Tiere haben keine Religion. Letzte Fragen gelten Fortpflanzung und Ernährung. Kein Schwein hat bisher die Frage nach der Einheit hinter den Gegensätzen oder dem unbewegten Beweger gestellt. Das Gürteltier zeigt Allah die schuppige Schulter. So meinte man bisher. Dann geschah dies: Im Urwald von Guinea wurde eine Forschergruppe um die Geographin Laura Kehoe von der Berliner Humboldt-Universität eher zufällig auf ein höchst eigenartiges Phänomen aufmerksam (inzwischen im Fachmagazin „Nature“ publiziert).

          Ausdruck von Spiritualität?

          In einer schattigen Urwaldlichtung hob ein Schimpanse einen schweren Gesteinsbrocken vom Boden und schmetterte ihn mit ordentlichem Kawumm gegen einen hohlen Baum. Das Zirpen und Zwitschern verstummte. War hier ein einsamer Aggressor am Werk, der mit seinen Tagen nichts anzufangen weiß, ein Wut-Affe, der seine Affekte an einem Baum ausließ? Nein! Der Affe kam wieder und legte den Stein in stiller Andacht in den hohlen Strunk. Artgenossen kamen und taten ihm gleich. Die Lichtung wuchs zu einem Urwald-Stonehenge von mehr als sechzig Stelen.

          Nun ist der steinewerfende Schimpanse keine wissenschaftliche Neuheit, aber diese hier schleuderten und schichteten ohne erkennbaren Zweck. Die Forscher fragten: Hat der Affe Sinn für das Spirituelle? Bietet sich hier Einblick in die Frühgeschichte der Magie? Der Liturgie? Oder handelt es sich nur um ein profanes Kommunikationsritual mit ungelöstem Sinn? Laura Kehoe will das Rätsel nicht lösen. Den spirituellen Affen weiter auf den Leib zu rücken hieße, sie zu sehr mit dem Menschen vertraut zu machen und sie in falschem Glauben an das Humane den Wilderern auszuliefern. So viel Respekt vor den Rätseln der Natur ist nur zu bewundern. Das Numinosum siegt.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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