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Religiöser Ritus : Ein einschneidender Beschluss

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Nicht nur das Kölner Landgericht, auch manche Israelis lehnen die jahrtausendealte Tradition der Beschneidung jüdischer Jungen ab. Noch sind sie eine Randgruppe, die gegen ein gesellschaftliches Tabu ankämpft. Aber sie wächst.

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          Zuerst war Eran Sadeh völlig klar, dass er dasselbe tun würde wie alle seine Bekannten. Er wollte seinen Sohn beschneiden lassen, erzählt der Rechtsanwalt aus Nordisrael. Zwei Tage vor der geplanten Beschneidung jedoch hatte er eine Offenbarung: „Ich suchte im Internet Informationen über den Arzt, der die Prozedur durchführen sollte. Plötzlich erfuhr ich Dinge, von denen ich vorher keine Ahnung gehabt hatte. Ich war schockiert, las die ganze Nacht.“ Am Morgen stand fest, dass er seinen Sohn nicht beschneiden lässt.

          Das war vor sieben Jahren. Eran Sadehs Entschluss erforderte starke Nerven. Denn in Israel gehörte er damals zur absoluten Ausnahme. „Früher gab es im ganzen Land vielleicht dreißig Familien, die sich dazu durchrangen, keine Beschneidung auszuführen“, schätzt Jonathan Enosch, der Gründer des Vereins „Ben Schalem“ - intakter Sohn -, der seit fünfzehn Jahren gegen die Beschneidung kämpft: „Immer mehr Juden entscheiden sich in Israel gegen diese Tradition“, sagt er. Inzwischen sind es rund zwei Prozent der jüdischen Eltern, die sich weigern, ihre Söhne beschneiden zu lassen. Das sind mehrere tausend Familien, schätzen israelische Medien. Sadeh, der eine Website über die „potentiell negativen Konsequenzen einer Beschneidung“ eingerichtet hat, berichtet von monatlich fünfzehnhundert Besuchen.

          In Tel Aviv beschnitten

          Das ist freilich noch immer eine kleine Minderheit. Für die meisten Israelis ist die Beschneidung etwas Selbstverständliches. Als Ben Schalem 1998 klagte, um Beschneidung aufgrund bestehenden Rechts als kriminelles Vergehen zu ahnden, reagierten die Richter ungläubig: „Meint der Kläger es tatsächlich ernst, dass ausgerechnet in Israel, dem einzigen jüdischen und demokratischen Staat, die Beschneidung verboten werden soll, die seit Generationen eine der wichtigsten Glaubensgebote im Judentum ist?“ Sie wiesen die Klage ab.

          „Meinen Sohn zu beschneiden war für mich kein Dilemma“, erzählt Tom Franz. Dabei kennt der Kölner Rechtsanwalt tatsächlich beide Seiten. Bis zu seiner Einwanderung nach Israel und seinem Übertritt vor wenigen Jahren war er unbeschnittener deutscher Christ. Doch vor wenigen Monaten, sein erstgeborener Sohn war acht Tage alt, war Franz „immens stolz“, als im Beisein von Freunden und Familie das Kind in einer Synagoge in Tel Aviv beschnitten wurde.

          Sie werden für Verweigerung verurteilt

          „Das Beschneiden gehört zum Judentum wie das Glockenläuten zum Christentum“, findet auch der Rabbiner Yehoram Mazor, der zugleich Präsident des Rabbinischen Gerichtshofs für Reformjuden in Israel ist. Die Richter bezeichneten das Ritual in ihrer Antwort auf den Antrag von „Ben Schalem“ als den „ersten und grundlegendsten Ausdruck für den Beitritt eines Individuums zum Judentum“. Von Kindesbeinen an lernt man alles hierzulande über die zentrale Bedeutung des „Brith“, wie Beschneidung auf Hebräisch heißt. „Brith“ bedeutet Bündnis und symbolisiert die besondere Beziehung zwischen Juden und ihrem Gott: „Ihr sollt die Vorhaut eures Fleisches beschneiden. Ein Zeichen des Bundes zwischen mir und euch“, heißt es im Ersten Buch Moses. In Schulen wird den Kinder vom Seleukidenkönig Antiochos Epiphanes und Roms Kaiser Hadrian erzählt - Inkarnationen des Bösen. In der Antike verboten sie die Beschneidung, um das Judentum auszulöschen, und lösten Volksaufstände aus.

          Wird in drei Monaten Vater und steht selbst vor dem Dilemma der Beschneidung seines Kindes: Gil Yaron
          Wird in drei Monaten Vater und steht selbst vor dem Dilemma der Beschneidung seines Kindes: Gil Yaron : Bild: Busse, Christoph

          Wer sich nicht beschneiden lässt, „dessen Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, weil es meinen Bund unterlassen hat“, warnt die Bibel. Die Drohung wirkt tatsächlich bis heute: „Hauptsächlich soziale Ängste bewegen viele Eltern dazu, ihre Söhne beschneiden zu lassen“, sagt Sadeh und stützt sich dabei auf Gespräche mit verunsicherten Eltern sowie auf informelle Erhebungen. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2006 ließe ein Drittel jüdischer Eltern lieber vom „Brith“ ab, rang sich aber trotzdem dazu durch, gut die Hälfte wegen des „gesellschaftlichen Drucks“, etwa zehn Prozent „weil es den Großeltern wichtig war“. „Freunde sind das größte Problem“, weiß Sadeh. „Sie verurteilten uns für unsere Weigerung.“

          Beschneidung propagieren

          Das Urteil des Kölner Landgerichts löste im offiziellen Israel Empörung aus: „Es ist, als würden wir jeden Priester verhaften, der eine Glocke läutet, weil er damit die öffentliche Ruhe stört“, begründet dies Rabbiner Mazor. Auch Tom Franz hält das Urteil für eine „verfehlte Einmischung in die Religionsfreiheit“. Befürworter der Beschneidung zitieren gesundheitliche, psychologische und religiöse Beweggründe, die von den Gegnern des Eingriffes freilich bestritten werden. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge sollen beschnittene Männer seltener an Infektionen des Geschlechtsapparats erkranken. Doch da dies selten sei und die Krankheiten zudem behandelbar seien, will die Organisation eine routinemäßige Beschneidung nicht empfehlen. Kondome etwa seien der weitaus effektivere Schutz als der unumkehrbare chirurgische Eingriff. Die Angst, Kinder mit Vorhaut würden ausgegrenzt, können Eltern unbeschnittener Israelis nicht bestätigen: „Mein Sohn hatte nie deswegen Probleme“, sagt Enosch. Es sei ein „Teufelskreis: Eltern beschneiden ihre Kinder, damit sie nicht anders sind, was dazu führt, dass es alle weiter tun.“ T., ein Offizier in der Armee, der anonym bleiben will, bestätigt im Gespräch, dass er viele Soldaten kennengelernt hat, die nicht beschnitten waren - „das kümmerte niemanden“. Seinen Sohn will er nun auch nicht beschneiden lassen: „Wozu?“, fragt der Offizier.

          Rabbiner propagieren Beschneidung fast ausnahmslos, dennoch ist die jüdische Religion nicht so drakonisch wie das Erste Buch Moses: Zwar heißt es im Talmud, ein Mensch sei nicht perfekt, bis er nicht beschnitten werde. Rabbi Ben Jaakov Ben Asher, ein Gelehrter aus dem dreizehnten Jahrhundert, warnte indes: „Wer sich nicht beschneidet, kommt nicht ins Paradies, auch wenn er die Tora studiert und gute Taten vollbringt.“ Dennoch gesteht Mazor ein: „Wer als Jude geboren wird, aber nicht beschnitten wurde, ist trotzdem ein vollwertiges Gemeindemitglied. Die Religion macht da keinen Unterschied.“ Nur beim Übertritt ist der „Brith“ obligatorisch.

          Für den israelischen Autor Meir Schalev bleibt der Ritus ein Rätsel: „Warum bestehen freie, säkulare Juden darauf, ausgerechnet dieses brutale, grausame und primitive Gebot einzuhalten?“ Auch Sadeh findet es absurd: „Meine Freunde essen Schweinefleisch und halten den Schabbat nicht ein. Aber sie sind überzeugt, dass sie ein Stück vom Penis ihres Sohnes abschneiden müssen, damit ihr Sohn Jude ist.“ Dabei habe sich das Judentum in vielen Fragen angepasst: Vor zweitausend Jahren wurde der Opferdienst eingestellt, im Mittelalter die Polygamie verboten. Sadeh schlägt daher vor, auch die Beschneidung in einen symbolischen Akt zu verwandeln. Die heutige Beschneidung unterscheidet sich ohnehin vom „Brith“, wie ihn Abraham an sich selbst vornahm. Der Stammesvater trennte einen kleinen Teil seiner Vorhaut ab. Nachdem zur Zeit des Zweiten Tempels Juden daraufhin begannen, die verbleibende Vorhaut wieder zu verlängern, wiesen die Rabbiner an, alles zu entfernen: „Das ist ein masochistischer und barbarischer Brauch, der nichts mit dem ursprünglichen Brauch zu tun hat“, findet Enosch.

          Reuven Rivlin bezog als einer der wenigen israelischen Politiker Stellung: Die Religionsfreiheit einzuschränken, findet der israelische Parlamentspräsident, stehe „im Widerspruch zu jeder demokratischen Verfassung“, und er forderte den Bundestag auf, die Beschneidung in Deutschland gesetzlich zuzulassen. Kommentatoren verglichen den Berichtsbeschluss mit den hasserfüllten Edikten Antiochos’ und Hadrians. Aktivisten wie Eran Sadeh und Jonathan Enosch begrüßten den Richterspruch: „Endlich wird das Recht auf körperliche Unversehrtheit über Religionsfreiheit gestellt“, sagt Sadeh. „In Israel kann man dieses Tabu kaum brechen“, meint Enosch. Das Urteil in Köln „gibt mir Mut, aufs Neue zu versuchen, mit einer Klage auch hier im Land Ähnliches zu erreichen“.

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