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: Wahre Falschheit

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Die Welt ist voller Menschen, die glauben, am schönsten Ort der Erde zu leben. Noch größer ist die Zahl der Reisenden, die in einem Moment der Glückseligkeit davon überzeugt sind, am schönsten aller Orte angelangt zu sein. Das widerspricht jeder rationalen Logik, denn es kann ja nur einen schönsten Ort geben, und alle anderen sind es nicht.

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          Die Welt ist voller Menschen, die glauben, am schönsten Ort der Erde zu leben. Noch größer ist die Zahl der Reisenden, die in einem Moment der Glückseligkeit davon überzeugt sind, am schönsten aller Orte angelangt zu sein. Das widerspricht jeder rationalen Logik, denn es kann ja nur einen schönsten Ort geben, und alle anderen sind es nicht. Es entspricht aber exakt der Vernunft des menschlichen Geistes, der weiß, dass die Wahrheit manchmal ein schlechter Freund und der Selbstbetrug die viel attraktivere Gespielin ist. Doch wie weit kann man die Selbsttäuschung treiben, bis sie an den scharfen Kanten der Wirklichkeit zerschellt? Wann wird Schönheit zur Karikatur und Autosuggestion zur Verzweiflungstat? Wie viel Schein also erträgt der Mensch, bevor er vor lauter Blendung nichts mehr sieht? Genau diese Grenze hat der österreichische Fotograf Reiner Riedler in seiner aberwitzig phantastischen Bildserie "fake holidays" erforscht.

          Riedler ist in künstlichen Welten rund um den Globus gewesen, in Las Vegas und Disney-Ländern, in Themenhotels an der türkischen Mittelmeerküste und Tropenfreizeitparks im märkischen Sand, in bayerischen Westernstädten und Wiener Swingerclubs, in Wüstenskihallen und Karaokebars. Es sind lauter Orte der Lüge, die sein wollen, was sie nicht sind, die den Schein zum Sein erhoben haben und ihn manchmal mit perfekten Inszenierungen, manchmal aber auch mit schmuddeligem Trotz aufrechterhalten. Dafür könnte man diese Orte leicht an den Pranger ketten, doch Riedler ist kein Ankläger, der die gefälschte Wirklichkeit entlarven und die Menschen, die ihr auf den Leim gehen, als Trottel demaskieren will.

          Er ist vielmehr ein lächelnder Komplize mit viel Sinn für Humor und noch mehr Lust am Absurden, der im Zweifelsfall immer Mitleid und nie Verachtung für die seltsamen Geschöpfe in diesen eigenartigen Traumwelten empfindet - ganz so, als gestehe er jedem Wesen das Recht auf ein wenig Glück zu, auch wenn es in den abstrusesten Kulissen haust. Deswegen ist sein Buch ein unaufgeregtes Freiheitsplädoyer, ein humoreskes Pamphlet für Toleranz und Großherzigkeit. Wer in Las Vegas ein paar Tage lang als Außerirdischer logieren will, soll es doch tun. Wer sich im Tropical Island vor den Toren Berlins mit einem klaustrophobisch-künstlichen Horizont wie in der "Truman Show" zufriedengibt, soll in Gottes Namen damit zufrieden sein. Und wer sich als Partygast in einem Münchner Sexclub vollständig vakuumieren lassen will, soll eben aussehen wie ein eingeschweißtes Hühnchen.

          Als Betrachter fällt es einem zunächst schwer, Reiner Riedlers freundliches Verständnis für seine Falschurlauber zu teilen. Zu polternd, zu frech, zu unverschämt sind das Selbstbewusstsein und die Selbstverständlichkeit, mit der die Künstlichkeit des organisierten Freizeitvergnügens auftritt. Eine Maya-Pyramide als protzige Restaurantdekoration im Epcot Disney World in Orlando; die Gizeh-Pyramide samt Eiffelturm als Hintergrund für ein Hochzeitsfoto im Freizeitpark Window of the World in der chinesischen Stadt Shenzhen; Superman in Gummistiefeln auf dem Roten Platz im Topkapi Palace Hotel in Antalya; eine maskierte Latex-Domina mit wassermelonengroßen Brüsten im Fetisch-Club Kitty Cat - man wendet sich mit Grausen vor so viel Klitterung, so viel billiger Phantasie und sehnt sich nach der Wahrhaftigkeit des Wirklichen. Doch mit jedem der fast beiläufig aufgenommenen Bilder wird man klüger und sanftmütiger, weil man begreift, was die wahre Kunst der Liebhaber solcher Kunstwelten ist: Sie sind stark genug, an die Echtheit des Falschen glauben zu wollen, und gleichzeitig schwach genug, sich trotz aller Offensichtlichkeit des Betrugs von ihm verführen zu lassen. So findet man das Glück - zum Glück nicht nur so.

          "fake holidays - Fotografien von Reiner Riedler", Ausstellung im Stadthaus Ulm, Münsterplatz 50, 89073 Ulm. Tel.: 0731/1617700; bis 17. April. Der Begleitband, erschienen im Moser Verlag, München, kostet 59 Euro.

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