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: Von der Buße zur Muße

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Neben Rom und Jerusalem gehört Santiago de Compostela im äußersten Westen Galiziens zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten weltweit. Ihren Anziehungspunkt verdankt die heilige Stadt am Ende der damals bekannten Welt dem Grab des Apostels Jakob. Es wurde im neunten Jahrhundert entdeckt, als es gerade besonders gebraucht wurde.

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          Neben Rom und Jerusalem gehört Santiago de Compostela im äußersten Westen Galiziens zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten weltweit. Ihren Anziehungspunkt verdankt die heilige Stadt am Ende der damals bekannten Welt dem Grab des Apostels Jakob. Es wurde im neunten Jahrhundert entdeckt, als es gerade besonders gebraucht wurde. Klaus Herbers setzt in seinem kulturhistorischen Abstecher "Jakobus - der Heilige Europas" ein in der Epoche, als im größten Teil der iberischen Halbinsel das Kalifat herrschte und sich eine christliche Gegenmacht in Asturien formierte. Als Wahrer einer Reliquie, die an Wert allein von den Gebeinen von Petrus und Paulus in Rom übertroffen wurde, ließen sich Ansprüche auf Schlüsselfunktionen in der Kirche durchsetzen und Herrschaftsansprüche etwa der Karolinger abwehren. Neben anderen Wallfahrtszentren wie Aachen oder Altötting, Assisi oder Padua profitierte die Saint'Iago geweihte Stadt von kirchlichen und staatlichen Zuwendungen und natürlich vom Pilgerstrom, der die ganze Region zum Aufblühen brachte. Das Buch führt in den Beginn des Jakobskults, seine Bedeutung in der kriegerischen Auseinandersetzung mit den Mauren ein und macht vertraut mit der Bedeutung der Reliquien als Brücke zwischen der Erde und dem Himmel. Der von Rom versprochene Ablass, die Hoffnung auf ein Wunder oder die Buße für eine Missetat ließen die Menschen die Nähe der Heiligen suchen. Die Pilger wurden allerdings nicht allein vom spirituellen Motiv auf den Weg gebracht, auch Geschäfte, diplomatische Missionen oder soziale Privilegien wurden gern mitgenommen. Schon früh geriet der Wunderglauben um die Reliquien in die Kritik der Aufklärer, die Reformation ließ - wie auch Kriege und Zollgrenzen - den Pilgerstrom abbrechen. Die Menschen lernten, ihren Heiligen Jakob dezentral, ohne die beschwerliche Reise, zu verehren. Inzwischen ist der Jakobsweg wieder zu einem Trendziel geworden, die Studienreise hat dabei längst die Pilgerfahrt in den Hintergrund gedrängt. Trotzdem spielt bei der Reise nach Compostela (der Name leitet sich von Compostum, also Gräberfeld) neben dem Fitnessaspekt bei den Wanderern und Radlern und dem Prestigeeffekt auch die Vorliebe für Traditionen und eine gewisse Sinnsuche eine Rolle. Wer sich auf den Jakobsweg macht, kann neben der attraktiven Landschaft einen reichen Denkmalsfundus erwarten, denn die Pilgerkonjunktur initiierte einst den Bau von Brücken, Hospizen, Kirchen, Klöstern, Wehranlagen. Der Band schafft die Verbindung zu der damit verbundenen Geisteshaltung einer Epoche, hilft beim Entschlüsseln von Bildern und Skulpturen und geht dabei noch ein auf die auch bei uns verankerte Jakobs-Ikonographie.

          ric.

          "Jakobus - der Heilige Europas" von Klaus Herbers. Patmos-Verlag, Adligenswil/Luzern 2007. 192 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 29,90 Euro.

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