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: Vom Eise befreit

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Das Eismeer vor Grönland ist keine friedliche Welt. Und Olaf Otto Becker kennt dessen Tücken nur allzu gut. Im Schlauchboot fuhr er zwischen den Jahren 2003 und 2006 insgesamt viertausend Kilometer an der Küste auf und ab. Als er einen Augenblick lang unaufmerksam war und eine Scholle übersah, wurde er bei dem Zusammenstoß prompt aus dem Boot katapultiert.

          Das Eismeer vor Grönland ist keine friedliche Welt. Und Olaf Otto Becker kennt dessen Tücken nur allzu gut. Im Schlauchboot fuhr er zwischen den Jahren 2003 und 2006 insgesamt viertausend Kilometer an der Küste auf und ab. Als er einen Augenblick lang unaufmerksam war und eine Scholle übersah, wurde er bei dem Zusammenstoß prompt aus dem Boot katapultiert. Dann lag er mit gebrochenen Rippen auf dem Eis, unendlich weit entfernt von der nächsten Inuit-Siedlung, umgeben nur von Eisschollen und Eisbergen, die in endloser Prozession vorüberzogen, während das Zodiac gemächlich davonschaukelte. Was blieb ihm übrig? Kurz entschlossen sprang er ins Meer, schwamm dem Schlauchboot hinterher, holte es ein und hievte sich im dritten Anlauf endlich über den Rand. Schon am folgenden Tag fotografierte er weiter. Seiner Begeisterung für die Schönheiten der Kälte hat der Zwischenfall nicht geschadet.

          Im Gegenteil. Lange bevor er die Serie seiner Eisberg- und Küstenbilder beendet hatte und es bestenfalls ein Konzept für einen Bildband gab, "Broken Line", war bereits die Idee für eine Fortsetzung gereift: ein Ausflug aufs Inlandeis. Vom Flugzeug aus waren Becker blaue Streifen und Tupfen auf dem Eis aufgefallen. Zarte Linien, wie mit einem Federhalter rasch hingeworfen, dazwischen hin und wieder ein paar Kleckse auf den weißen Seiten der Natur. Auf Satellitenaufnahmen studierte er sie genauer: Flüsse und Seen, die im Sommer aus geschmolzenem Schnee entstehen; zu einer Zeit also, so wurde Olaf Otto Becker von allen Seiten gewarnt, da das Eis in Grönland so weich und sulzig sei wie ein Sumpf und ein Wanderer leicht bis zu den Knien einsinken könne. Mit jedem Gesprächspartner taten sich mehr Hindernisse auf. Aber das konnte ihn nicht davon abhalten, eine Expedition zu organisieren. In dem Eisgänger Georg Sichelschmidt fand er den idealen Begleiter für die strapaziöse Tour.

          Im Hochsommer 2007 zogen sie los. Zunächst mit einem Schlauchboot Richtung Norden an den Steilklippen der Küste entlang, bis ihnen eine Gletscherzunge den Aufstieg ermöglichte. Dann schleppten sie ihr Material hinauf aufs Plateau, achthundert Meter über dem Meeresspiegel, an Spalten vorbei, über Risse hinweg, eisige Mauern hinauf, wieder und wieder, Tag für Tag, bis sie die unmenschlich schwere Ausrüstung endlich oben hatten: Zelte und Proviant für mehrere Wochen, Großbildkameras samt Zubehör, Kleider, Kocher, Benzin und Werkzeug, dazu die Schlitten. Jede Tour zwanzig Kilometer lang über ein Terrain, das aussieht, als habe jemand mit der Axt auf ein unendlich großes Stück Sahnebaiser eingeschlagen. Dann knackste es im Knie, und Olaf Otto Becker konnte ohne Schmerztabletten keinen Schritt mehr tun. Als es dann auch noch im Schlitten knackste und das Material splitterte, lebten die beiden mit der Aussicht, ihr Gepäck demnächst auf den Rücken packen zu müssen.

          "Es war die Hölle", sagt Becker ganz prosaisch über diesen Teil der Reise. Immerhin zwei Wochen hatten sie allein dafür gebraucht, den ersten der Flüsse, die er fotografieren wollte, überhaupt nur zu erreichen. Dennoch sei ihm die langsame Bewegung, der physische Aspekt der Unternehmung, stets wichtig gewesen. Diese leidvolle Erfahrung sollte Teil der künstlerischen Arbeit sein. Die Motive aber wirken leicht. Fast beschwingt.

          Gleich den ersten Fluss, auf den sie stießen, ging Olaf Otto Becker über die gesamte Länge ab. Von der Quelle bis zur Mündung, würde man anderswo sagen. Beides gibt es hier nicht. Vielmehr beginnt der Fluss mit einer Reihe von Löchern, von der Sonne dort ins Eis gebrannt, wo besonders viel Staub liegt. Der Staub erwärmt sich im Licht und frisst sich allmählich in die Tiefe. Rundherum taut der Schnee. Wenn die Ränder brechen und die Löcher sich vereinen, meint man Autospuren zu sehen, schwarz in den Schnee gedrückt. Aber noch immer läuft das Wasser kaum, sondern es entstehen kleine Pfützen in den Vertiefungen. Erst wenn der Boden sich neigt, hinabfällt Richtung Meer, bildet sich ein Bach und bald darauf ein Strom. Und irgendwann öffnen sich Schleusen. Nun fräst sich das Wasser den Weg durchs Eis wie andernorts durch das Land, mäandert um Eisklumpen herum, poliert seine Ufer wie auf Hochglanz und schäumt und spritzt und gurgelt in kleinen Wasserfällen dort, wo ein Fluss in einen anderen mündet. Tausende solcher Flüsse gibt es auf dem Inlandeis: manche schmal und seicht, andere tief und lang, und mitunter öffnen sie sich sogar zu kilometerbreiten Seen, das Ufer übersät mit aufgeworfenen Eisschollen. Keiner dieser Flüsse jedoch erreicht das Meer. Sie verschwinden einfach. Ganz plötzlich stürzt das Wasser irgendwann in einen Schlund, in das Loch der Gletschermühle, Hunderte von Metern tief, ein enger Gang. Die Luft, die vom eindringenden Wasser verdrängt wird, dampft in haushohen Fontänen davon.

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