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: Twinsets, Hüte, Roben

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Elisabeth II. wurde 1952 Königin von England, genauer: Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland. Man könnte es durchaus bezeichnend nennen, dass sie im Augenblick der Thronfolge auf Reisen war, zu Gast in Kenia, damals noch "Kronkolonie", heute mit 52 weiteren Staaten Mitglied des Commonwealth.

          Elisabeth II. wurde 1952 Königin von England, genauer: Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland. Man könnte es durchaus bezeichnend nennen, dass sie im Augenblick der Thronfolge auf Reisen war, zu Gast in Kenia, damals noch "Kronkolonie", heute mit 52 weiteren Staaten Mitglied des Commonwealth. In sechzehn dieser Staaten ist sie als Königin heute noch Staatsoberhaupt: neben eher exotischen Gemeinwesen wie Antigua oder Tuvalu auch in Australien, Neuseeland, Kanada. Ihren eigentlichen Job in diesen Ländern erledigt vorderhand wie vordergründig ihr jeweiliger Generalgouverneur, für die symbolische Grundierung dieses Staatenbundes jedoch sorgt die Queen persönlich: Mehr als hundertfünfzig Reisen hat Elisabeth als Königin und Oberhaupt des Commonwealth in 58 Jahren allein in diese Staaten unternommen, alle in der Begleitung ihres Mannes. Was immer es dabei an Szenen einer Ehe gab: Die bürgerliche Frage des Adligen Vicco von Bülow, "Wie findest du mein Kleid?" (Gegenfrage: "Welches?"), ist in all den Jahren sicher nicht gefallen. Vermutlich schon deshalb nicht, weil man auf die Antworten des Duke of Edinburgh aus leidvoller Erfahrung nicht so sehr erpicht war. Denn bei den Garderobefragen geht es unter Royals nicht allein um Wind und Wetter, Farben oder Formen, spitzen Ausschnitt oder Schößchen, sondern auch und im Wesentlichen um die protokollgerechte Ikonographie von Kleidung und Accessoires, zwar auch um Mode und Design, doch mehr noch um das unaufdringlich ehrende Verweissystem aus Farbe, Schnitt und Material.

          Caroline de Guitaut, Kuratorin einer Ausstellung zum Thema im "Royal Collection Trust", hat beispielhaft Exponate zusammengestellt, Gastgeschenke ebenso wie Garderoben, von der Friedenspfeife bis zur Materialprobe der Goldspitze in Nahaufnahme. Leider hat das Souvenir-Album "The Royal Tour" im Deutschen einen Titel abbekommen, dessen vermeintliche Frage "Was trägt die Queen, wenn sie verreist?" vom Untertitel schon beantwortet wird: "Twinsets, Hüte, Abendroben". Was die Queen beim Spargel-Marathon in Deutschland 1965 trug, erfährt der Leser darin nicht. Nur die Reisen durch ihr Commonwealth sind dokumentiert, nur hier entfaltet sich die staatstragende Symbolik jeglicher Details in vollem Maß. Besonders eindrucksvoll ist da das Krinolinenkleid einer Afrika-Reise von 1956, dem eine opulente Stickerei die gewisse Nacktheit der Ärmellosigkeit nimmt und zugleich die dezidierte Anleihe am traditionellen afrikanischen Halsschmuck erkennbar werden lässt. Vielfach sind die Garderoben von der eleganten Entwurfsskizze bis hin zum Einsatz in der königlichen Diplomatie dokumentiert. Zugleich verzeichnet die Sammlung neben imperialen Abendroben auch ausgesprochen kleidsame Kreationen führender Couturiers: Jackenkleider, Kombinationen, bevorzugt im Blumendekor des Erbes von William Morris. Es gibt beim Blättern immer wieder Grund zum Staunen, mit welcher adäquaten Eleganz die Queen den öffentlichen Alltag modisch meistert. Mit Kopftuch und mit Barbourjacke, wie sie jedermann zu kennen glaubt, läuft sie vermutlich nur in Sandrigham und Balmoral herum.

          Jedes Stück ist einzigartig, auch wenn es Gründe gab, dieselbe Garderobe wiederholt zu nutzen. So trug sie 1957 zur Parlamentseröffnung im kanadischen Ottawa zum vierten Mal auf einer Commonwealth-Reise dasselbe Kleid wie zuvor schon 1954 zum selben Anlass im heutigen Sri Lanka: das ihrer Krönung von 1953! So gab sie nachdrücklichen Ausdruck einer postkolonialen Bindung, wie ihn auch das Reisen selbst gibt. Noch zum Goldenen Thronjubiläum 2002 flog sie nach Kanada, Australien, Neuseeland und Jamaika. Als Prinzessin hatte sie 1951 eine Platinbrosche in Form eines Ahornblattes getragen, und zur Eröffnung der Olympischen Spiele von Montreal mutete ihr Schneider ihr olympische Ringe aus changierenden Pailletten zu. 1961 bereiste sie von Delhi aus sechs Wochen lang Indien und Pakistan - eine ungewöhnliche Geste schon durch die Dauer des Besuchs, mit einem Glanzpunkt zum Staatsbankett schon am ersten Abend: einem Spitzenkleid, dessen Perlenstickereien sich zum Motiv von Lotosblüten fügten, der Nationalblume. Entsprechend trug sie beim Staatsbankett in Pakistan ein Abendkleid aus Duchessesatin in den Nationalfarben Elfenbein und Grün und krönte die Erscheinung mit einem Smaragddiadem. Unnötig zu erwähnen, dass auch der Staatsorden, den ihr Präsdent Ayub Khan bei der Gelegenheit verlieh, mit der Garderobe bestens harmonierte. 1954 schenkte ihr Australien einen Zweig australischer Goldakazien aus gelben Diamanten. Zwanzig Jahre darauf, nach Australien-Visiten 1963, 1970 und 1973, hatte die Queen ein Kleid aus Seidenchiffon im Gepäck, das wiederum unübersehbar zart mit Goldakazien-Motiven aus Pailletten und grünen Stiftperlen bestickt war: ein spätes Dankeschön und herrlicher Gesprächsstoff für Hofberichterstatter, wenn das Fernsehbild nichts anderes als Straßenränder mit Wartenden zeigt. Das Opernhaus von Sydney hatte sie 1973 in einem Kleid eröffnet, das inspiriert war von der Silhouette des Gebäudes. Das reizende Kleid aus gelbem Chiffon aber wurde ein Opfer des politischen Taktierens in der Heimat: Premierminister Edward Heath, bedrängt von den Folgen des neu in England eingeführten Dezimalsystems und der Ölkrise, hatte sich in vorzeitige Parlamentswahlen retten wollen. Zu den Wahlen kam es, aber nicht zu seiner Rettung. Heath wurde abgelöst von seinem Vorgänger. Die Queen ließ packen und reiste schleunigst ab. Und das mimosenfarbene Symbolkunstwerk mit den so schmückenden australischen Akazien ward von niemandem gesehen.

          "Was trägt die Queen, wenn sie verreist?" von Caroline de Guitaut. Elisabeth Sandmann Verlag, München 2009. 120 Seiten, 150 Abbildungen. Gebunden, 16,90 Euro. Die Ausstellung "The Royal Tour" im Buckingham Palace ist bis zum 30. September zu sehen.

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