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: Summa summarum 3942 deutsche Meilen

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"Ich bin dann mal weg" - das hätte fünfhundert Jahre vor Hape Kerkeling auch der fünfundzwanzig Jahre alte Edelmann Arnold von Hauff, Herr zu Nierhoven, ausrufen können. Im Jahre 1496 startet der gebildete Sohn aus einer der ältesten, einflussreichsten und begütertsten Familien am Niederrhein seine Pilgerreise nach Rom, Jerusalem und Santiago.

          "Ich bin dann mal weg" - das hätte fünfhundert Jahre vor Hape Kerkeling auch der fünfundzwanzig Jahre alte Edelmann Arnold von Hauff, Herr zu Nierhoven, ausrufen können. Im Jahre 1496 startet der gebildete Sohn aus einer der ältesten, einflussreichsten und begütertsten Familien am Niederrhein seine Pilgerreise nach Rom, Jerusalem und Santiago. Zwei Jahre später kehrt er zurück und hat nach eigenen Angaben "Summa summarum . . . über See und über Land, groß und klein zusammengezählt 3942 deutsche Meilen" zurückgelegt - ein Meilenstein in der Geschichte des Reisens. Berichte über Wallfahrten und Pilgerreisen spiegeln immer das Selbst- und Weltverständnis der Epoche wider, in der sie verfasst werden. Während in den mittelalterlichen Niederschriften die religiösen Motive wie Gottesverehrung, Sündenvergebung und Heilung von Gebrechen den Inhalt bestimmen, hat Kerkeling den außergewöhnlichen Erfolg mit seinem Pilgerbericht, weil er die religiöse Indifferenz unserer Gegenwart als sinnvolles Leben zu zeigen versucht. Arnold von Hauff dagegen vermittelt uns das Lebensgefühl der Menschen zu Beginn der Neuzeit. Schon die Ausfahrt gleicht einem Aufbruch in eine neue, unbekannte Welt mit vielfältigen und eigentümlichen Sehenswürdigkeiten. Nicht nur religiöse Motivation treibt Arnold von Hauff zur detaillierten Schilderung des Pilgerwegs, der Wallfahrtsorte und der fremden Welt. Er vermerkt zwar peinlich genau, wie viel Jahre Ablass an den einzelnen Stätten zu gewinnen sind, aber selbst in Rom und Jerusalem, ganz zu schweigen von Santiago, stellt sich der Ton eines Gläubigen nicht ein. Ein spektakuläres Passionsspiel im Colosseum, die Familiengeschichte von Papst Alexander VI. und "viele unsägliche Dinge . . . die wider den christlichen Glauben . . . und christlichen Leuten nicht bekannt sein": das ist es, was seine Neugier weckt. In Jerusalem folgt er zwar den Spuren Jesu bis auf den Kalvarienberg, aber erst der Besuch des muslimischen Felsendoms, den er, als Mameluck verkleidet, besucht, wird zum Höhepunkt des Jerusalem-Aufenthaltes. Hier, wie vorher schon in Venedig und Kairo, wird der Sinn Arnold von Hauffs für den Selbstwert der Kunst sichtbar. Ebenso verliert die Natur ihren religiösen Hinweischarakter, er erforscht sie um ihrer selbst willen. Nüchtern und sachlich beschreibt er beispielsweise das Tote Meer, widerlegt die Geschichte von den versunkenen Städten und der Salzsäule und verzichtet bewusst auf "eine schöne Lüge", die seine Erzählung schmücken könnte. Vor allem erwacht in dem in Jerusalem zum Ritter geschlagenen Pilger das Bewusstsein von der Würde aller Menschen und von dem Wert ihres Lebens. Das belegen auch die vielen Abbildungen, die selbst dann, wenn sie menschliche Grausamkeiten darstellen, die Unantastbarkeit der Person respektieren, wie etwa die Opfer der strengen spanischen Justiz. Das humanistisch-diesseitige Menschenbild, das wie selbstverständlich aus dem christlichen Glauben erwächst, ist das Besondere und Lesenswerte dieses erstmals in neuhochdeutscher Übersetzung vorgelegten bildschönen Reisebuchs.

          A.W.

          "Rom - Jerusalem - Santiago. Das Pilgertagebuch des Ritters Arnold von Hauff (1496-1498)" herausgegeben von Helmut Brall-Tuchel und Folker Reichert. Böhlau Verlag, Köln, 2007. 280 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 29,90 Euro.

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