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: Stürme in der Kaffeetasse

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Ein Schriftsteller sitzt im Kaffeehaus und hört, wie am Nachbartisch sein Name fällt. Er spitzt die Ohren: Der Hass, mit dem man von ihm spricht, macht ihn schaudern. Was also tun? Hinübergehen und sich vorstellen - oder besser davonlaufen? Dafür entschied sich Max Frisch im "Café Odeon" am Zürcher Bellevue.

          Ein Schriftsteller sitzt im Kaffeehaus und hört, wie am Nachbartisch sein Name fällt. Er spitzt die Ohren: Der Hass, mit dem man von ihm spricht, macht ihn schaudern. Was also tun? Hinübergehen und sich vorstellen - oder besser davonlaufen? Dafür entschied sich Max Frisch im "Café Odeon" am Zürcher Bellevue. Einer der schönsten Plätze der Stadt, um dem Müßiggang zu frönen und mit "The Times" und "Le Monde" über die Ozeane zu segeln. Max Frisch und das "Odeon" teilen das Jahr ihrer Geburt: 1911. Zu ihrem hundertsten Geburtstag werden beide gefeiert: Frisch mit Biographien und Studien und das legendäre Kaffeehaus mit der Neuausgabe eines Buches von Curt Riess (1902-1993), das die Geschichte des Lokals nachzeichnet. Im "Café Odeon", so der Titel des 1973 erstmals erschienenen Bandes, haben sich Künstler und Möchtegernbohemiens getroffen, um das Weltgeschehen und sich selbst zu kommentieren, hierhin haben sich Emigranten wie James Joyce, Therese Giese oder Klaus Mann geflüchtet, hier sind Hugo Loetscher oder Thomas Hürlimann ins Dichterleben hineingewachsen. Vieles veränderte sich im Lauf der Zeit. Das "Odeon" wurde im Frühjahr 1972 geschlossen. Proteststürme brandeten auf. Schon kurz darauf wurde das Café neu, wenn auch stark verkleinert, wieder eröffnet. Davon weiß auch die Journalistin Esther Scheidegger zu berichten, die das Buch von Curt Riess um eine Brücke in die Gegenwart ergänzt hat. Im Zusammenspiel von gestern und heute wird der Band zum launigen Streifzug durch Zürich und seine Kulturgeschichte: vom "Odeon" hinauf zum Schauspielhaus und zum Kunsthaus, zur Universität und zurück zur Limmat. Immer dem Tratsch hinterher, den Disputen, Gerüchten und Anekdoten. "Abbruch! Chasch dänke!" - denkste! also -, soll sich der Volksschauspieler Emil Hegetschweiler Anfang der fünfziger Jahre empört haben, als das Schicksal des Cafés erstmals auf der Kippe stand: "Das ist doch ausgeschlossen. Das Odeon, das gehört zu uns, das ist ein Stück Heimat.

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          "Café Odeon" von Curt Riess, mit einem Text von Esther Scheidegger. Verlag Europa, Zürich 2011. 343 Seiten, einige Fotos. Gebunden, 22 Euro.

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