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: Soziologie und Sozialversicherung

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Der österreichische Kulturanthropologe Andreas J. Obrecht begibt sich bei seiner Suche nach der in den postmodernen Prozessen der Globalisierung, Digitalisierung und weltweiten Vernetzung verlorenen Zeit auf vier Reisen in materiell arme und spirituell reiche, vom vermeintlichen Fortschrittsgedanken noch ...

          Der österreichische Kulturanthropologe Andreas J. Obrecht begibt sich bei seiner Suche nach der in den postmodernen Prozessen der Globalisierung, Digitalisierung und weltweiten Vernetzung verlorenen Zeit auf vier Reisen in materiell arme und spirituell reiche, vom vermeintlichen Fortschrittsgedanken noch weitgehend unerfasste Weltregionen wie Neuguinea, Ostafrika, Nepal oder Französisch-Guayana. Ausgestattet allein mit Mikrofon und Aufnahmegerät, aber ohne Notebook und Satellitenhandy lässt er bei seiner Chronik einer Weltreise, die in Österreich parallel als Hörfunkproduktion gesendet wurde, indigene Stimmen zu Wort kommen und präsentiert ebenso die Klangwelten der Regenwälder wie alternative Lebensentwürfe. Als teilnehmende Beobachter verfolgen die "wagemutig Reisenden", wie der Autor sein Team leitmotivisch nennt, Fruchtbarkeitsfeste in Neuguinea, begegnen den erleuchteten Einsiedlern im Kathmandu-Tal oder beschwingten Begräbnisfeierlichkeiten in der Karibik. Dabei zieht der Autor immer wieder Analogien, aber auch kategorische Grenzlinien zwischen den Welten und Werten, wenn er etwa rituelle Stammeskämpfe mit in den Industriegesellschaften staatlich legitimierten Kriegen kontrastiert oder die Soziologie der Großfamilie kontra Sozialversicherung, Unterschiede im "Zeitmanagement" oder den kulturell anders gearteten Umgang mit Sexualität, Geburt, Initiation, Alter, Tod und Ahnenpflege thematisiert. Jeder der vier Reisebeschreibungen werden die Erlebnisse aufbereitende und konsequent mit der Herkunftskultur vergleichende Kapitel wie "Magie und Zeit" oder "Magie und Wirklichkeit" nachgestellt. Während der Autor den Klischees edler Wilder oder irdischer Paradiese durch die Schilderung der ökonomischen und ökologischen Lebenswirklichkeit vor Ort wie Prostitution in Daressalam, die kommerzielle Ausbeutung des Barsches am Victoriasee oder maoistische Rebellenverbände in Nepal weitgehend widersteht, kommen Umkehrschlüsse wie "Wissensarroganz des Westens" gegenüber schriftlosen Kulturen, "Fetischisierung des Ego" oder der Dualismus magische Welt kontra Marktwirtschaft allzu vorhersehbar, konstruiert und angestrengt zivilisationskritisch daher. Entgegen der ursprünglichen Ankündigung, die Geschichten der rituellen Akteure für sich und durch sich sprechen zu lassen, wäre es in Obrechts ansonsten durchaus lesenswertem Lob der Langsamkeit, Entschleunigung und Peripherie gar nicht nötig gewesen, die Feldforschungsnotizen um einen philosophisch-reflexiven Überbau zu ergänzen.

          sg

          "Geschichten aus anderen Welten. Eine Reise nach Neuguinea und Inselmelanesien, Ostafrika, Nepal und in die Karibik" von Andreas J. Obrecht. Böhlau Verlag, Wien 2007. 352 Seiten, 40 Abbildungen. Gebunden, 24,90 Euro.

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