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: So schön kann warten sein, sogar in New York

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Vermutlich ist München die einzige Stadt auf der Welt, in der Fußgänger die Pausen an der roten Ampel als geschenkte Lebenszeit verstehen. In einer Mischung aus Kontemplation und stiller Freude warten sie geduldig am Straßenübergang auf den Wechsel zu Grün, selbst dann, wenn auf hundert Meter kein einziges Auto zu sehen ist.

          Vermutlich ist München die einzige Stadt auf der Welt, in der Fußgänger die Pausen an der roten Ampel als geschenkte Lebenszeit verstehen. In einer Mischung aus Kontemplation und stiller Freude warten sie geduldig am Straßenübergang auf den Wechsel zu Grün, selbst dann, wenn auf hundert Meter kein einziges Auto zu sehen ist. Den Fremden aber, der nahe am Anarchismus die Straßenverkehrsordnung mit Füßen tritt, bedauern sie nicht etwa seines unnötig beschleunigten Lebens wegen. Vielmehr scheint er ihnen die personifizierte Versuchung zu sein, weshalb sie ihm aus reinem Selbstschutz Blicke entgegenschleudern wie züngelnde Flammen eines Kugelblitzes.

          Vielleicht muss man in München leben, um auf die Idee zu kommen, wartende Passanten an roten Fußgängerampeln zu fotografieren. So wie Florian Böhm. Von fast didaktischem Eifer ist seine jüngste Arbeit "Wait for Walk". Schaut her, sagt er mit jedem Bild: So schön kann warten sein. Sogar in New York. Schön ist es freilich vor allem für den Betrachter seiner großartigen Panoramaaufnahmen.

          Die "Zero Tolerance Policy" der neunziger Jahre in New York, mit der Bettler, Junkies und Prostituierte aus der Stadt vertrieben wurden, die aber auch dem "Jaywalking" ein Ende setzen wollte, dem freimütigen Überqueren der Straße ohne Rücksicht auf den Verkehr, mag ihn bei seiner Arbeit unterstützt haben. Tatsächlich kommt der Strom der Passanten entlang der Avenues heute an den Kreuzungen immer wieder ins Stocken. Doch darauf allein konnte Böhm sich nicht verlassen. Er fotografierte deshalb bei starkem Verkehr stets durch die Lücke zwischen fahrenden Autos hindurch. Das machte ihn zum Sklaven des Zufalls. Denn wie die Menschen stehen und aussehen, selbst die Gesamtkomposition des Bilds - all das bekam Böhm immer erst auf den Fotos zu sehen.

          Umso überraschender ist es, mit welch anmutiger Selbstinszenierung der Alltag auf die erzwungene Unterbrechung der Bewegung reagiert. Böhms Fotografien sind Dokumente aus dem Alltag Manhattans. Doch wirken sie wie Tafelbilder, auf denen sich die bunte Kleidung der Passanten zum Ornament der Masse arrangiert, geradeso, als handele es sich um Farbfeldmalerei. Zugleich aber garantiert die fast schon schmerzende Bildschärfe jedem der Fußgänger seine Individualität, und man muss zurückgehen bis zu Leonardo da Vincis "Abendmahl", um in der Kunst einen vergleichbaren Fundus möglicher Gesten, Mienen und Seelenzustände zu finden. Jedes der Bilder ist der Beginn einer Vielzahl von Romanen.

          Je länger man die Fotos betrachtet, desto deutlicher wird allerdings: Nicht die Passanten sind es, die innehalten; wir sind es, die Betrachter. Diese Fußgänger stehen in Startlöchern.

          "Wait for Walk" von Florian Böhm. Mit Texten von Ronald Jones und Ulrich Pohlmann. Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2007. 128 Seiten, 66 Abbildungen. Gebunden, 39,80 Euro.

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