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: Seepferdchen im Badezimmer

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Ach, Athen. Niemand denkt an die Akropolis, jeder nur an Staatsbankrott und Notkredite. Aber wirklich begeistert waren die Deutschen nie von Athen. Zu deutlich treten dort der unromantische Überlebenskampf, der Unrat, das Hässliche hinter den antiken Bauten zutage. Die Herausgeber der "Literarischen ...

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          Ach, Athen. Niemand denkt an die Akropolis, jeder nur an Staatsbankrott und Notkredite. Aber wirklich begeistert waren die Deutschen nie von Athen. Zu deutlich treten dort der unromantische Überlebenskampf, der Unrat, das Hässliche hinter den antiken Bauten zutage. Die Herausgeber der "Literarischen Einladung", Birgit Hildebrand und Konstantinos Kosmast, haben keinesfalls die Absicht, die Kulturreisenden zu Athen zu bekehren. Aber sie haben Texte von griechischen Gegenwartsautoren und modernen Klassikern zusammengetragen, in denen die Stadt im Mittelpunkt steht - und die wie nebenbei Einblicke in die Mentalität dieser zugleich uralten und jungen Großstadt gewähren. Wenn etwa der Autor Marios Chakkas mit lakonischer Ironie schildert, wie ein Badezimmer mit Bidet und Seepferdchen auf den Kacheln für das aufstrebende Kleinbürgertum der sechziger Jahre zum Sinnbild für sozialen Aufstieg wird, dann kann man nachfühlen, wie ebendiesem Kleinbürgertum heute zumute ist. Andererseits muss man sich die Athener als glückliche Menschen vorstellen, denn was auch geschieht, sie haben ihre glorreiche antike Vergangenheit als stets präsente Folie für die Gegenwart zur Hand. Wie sehr der Mythos lebt, zeigt nicht nur Angela Dimitrakaki mit ihrer bestechenden Erzählung, in der drei Schülerinnen in einem Arbeiterviertel Athens nach einem unterirdischen antiken Fluss suchen, der ihr Leben völlig durcheinanderspült. Kostas Katsoularis widmet sich den berüchtigten bourgeoisen Bohemiens, die im Nobelviertel Kolonaki erst dann zufrieden sind, als ihnen musizierende Zigeuner ihre Frustkäufe aus der Edelboutique klauen. Das Begeisternde und das Ärgerliche, das Schöne und das Hässliche liegen in Athen dicht beieinander. Der Fremde braucht den griechischen Sinn für Ambivalenz, um diese Mischung schätzen zu lernen, wie der Krimiautor Petros Markaris erklärt; für ihn ist Athen tagsüber die Hölle, nachts das Paradies. Hoffnung aber gibt stets die Geschichte. Nikos Papandreou, Sprössling der Politiker-Dynastie, schickt seinen Protagonisten mit dessen Bruder, dem Erziehungsminister, auf das Dach des Kultusministeriums in der Plaka. Unten demonstrieren Bürger gegen die Regierung, die Lage scheint verfahren. Doch über den Dächern erhebt sich die Akropolis, und bei ihrem Anblick senkt sich tiefe Ruhe über die Verzweifelten. "Die alten Griechen ...", sagt der Minister. Alles wird gut.

          vero.

          "Athen. Eine literarische Einladung", herausgegeben von Birgit Hildebrand und Konstantinos Kosmas. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009. 141 Seiten. Gebunden, 15,90 Euro.

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