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: Schleifen und Schlaufen

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Walter M. Weiss begibt sich auf ägyptische Erkundungsreisen zwischen Märchen und Moderne, Moloch und Peripherie. Allen historischen und kulturellen Vereinnahmungsversuchen zum Trotz tritt zwischen den Zeilen und inmitten der postkolonialen Realität immer wieder die archaische Lebensenergie und inhärente Dynamik Ägyptens hervor.

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          Walter M. Weiss begibt sich auf ägyptische Erkundungsreisen zwischen Märchen und Moderne, Moloch und Peripherie. Allen historischen und kulturellen Vereinnahmungsversuchen zum Trotz tritt zwischen den Zeilen und inmitten der postkolonialen Realität immer wieder die archaische Lebensenergie und inhärente Dynamik Ägyptens hervor. So beschreibt der Autor Kairo variationsreich als "Wucherung in der Wüste" und "Kapitale des charmanten Chaos". Dabei grenzt sich Weiss angenehm ab von der rhetorischen Pflichtübung der Beschwörung des Apokalyptischen in der Ägypten-Berichterstattung, indem er neben den auch porträtierten "Zabbalin", Kairos "Menschen auf der Müllhalde", Analphabetismus und anderen körperlichen und geistigen Verelendungstendenzen solche positiven Entwicklungsansätze wie Sozialprojekte und Geburtenkontrolle, Kairos neues Kanal- und Abwasserklärsystem oder neben den negativen ökologischen Folgen des Sadd-el-Ali-Staudamms auch die Vermeidung von Dürrekatastrophen erwähnt. In pittoresken, nostalgisch angehauchten Reportagen wie "Melancholie auf Alexandrinisch" oder "Von den Schleifen und Schlaufen der Kalligraphen" begibt sich der Autor immer wieder auf eine Spurensuche und Tour d'horizon des Traditionellen. Auch wenn er gelegentlich doch die schwärmerisch-märchenhaften Erwartungshaltungen und gängigen Ägyptenattribute bedient, so spielt er auch mit den Klischees, um sie als Kunstprodukte der Psyche der vermeintlichen Bildungsreisenden und letztlich eurozentrische Traumwelten der Tourismusindustrie zu entlarven. Neben den Ballungszentren Kairo und Alexandria zieht es den um ein umfassendes Ägypten-Bild bemühten Autor immer wieder in die Wüste und zu Außenposten der Zivilisation. Seine Initiationsreise zum Antoniuskloster führt ihn dorthin, wo die "Menschen in der Wüste statt nuklearer Waffen ihre Seelen testeten". Während der Autor seine Beobachtungsgabe gerade in solchen Refugien des Spirituellen auszuspielen vermag, wirkt der letzte Text "Die klassische Niltour", der sich auf Beschimpfungen der "ignoranten Horden" und ihrer Verlegenheitssouvenirs beschränkt, wenig originell.

          sg

          "Das Erbe der Götter. Ägyptische Ambivalenzen" von Walter M. Weiss. Picus Verlag, Wien 2006. 185 Seiten. Gebunden, 14,90 Euro. ISBN 3-85452-916-3.

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