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: Sag mir, wo die Blumen sind

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Es schadet nicht, Sergei Bondartschuks Kinoepos "Waterloo" im Kopf zu haben, wenn man Stephan Kaluzas meterlanges Panorama ebendieses Schlachtfelds betrachtet. Dann füllen sich ganz allmählich die weitläufigen Äcker und Wiesen wie die Felder eines Brettspiels mit Figuren in bunten Uniformen. Fast zweihunderttausend ...

          Es schadet nicht, Sergei Bondartschuks Kinoepos "Waterloo" im Kopf zu haben, wenn man Stephan Kaluzas meterlanges Panorama ebendieses Schlachtfelds betrachtet. Dann füllen sich ganz allmählich die weitläufigen Äcker und Wiesen wie die Felder eines Brettspiels mit Figuren in bunten Uniformen. Fast zweihunderttausend Männer beziehen in der Landschaft Stellung: als überschaubare Trupps, als endlose Kette, in Horden zu Pferd und in gerader Linie die Artillerie mit ihren Geschützen. Auf leichten Erhebungen stehen die Feldherren, Napoleon hier, Wellington dort, mal mit dem Fernrohr in der Hand, mal mit einem Sektkelch, beobachten, debattieren mit ihren Generälen, warten ab - bis um elf Uhr fünfunddreißig der erste Kanonenschuss über die Ebene donnert und sich im Laufe der folgenden neuneinhalb Stunden dieses Fest der Farben und Spektakel der Ornamente immer schneller in ein Bild des Grauens verwandelt, in dem der Tod zum Takt der Trommeln seine grausame Sinfonie aus Schüssen, Schreien und Hufgetrappel dirigiert und über dem schwer Wolken von Pulverdampf hängen. Aber das alles sieht man nicht auf der Fotografie von Stephan Kaluza. Da schieben sich bloß artig bestellte Felder in sanften Wellen Richtung Horizont. Es ist ein Bild der Leere.

          Bekannt wurde Stephan Kaluza vor vier, fünf Jahren mit dem "Rheinprojekt", für das er den Fluss von der Quelle bis zur Mündung abgegangen ist. Zehntausende Aufnahmen machte er im Laufe seiner monatelangen Wanderung und fügte sie später am Computer zu einem Panorama zusammen, das in seiner Gesamtheit bei einer Höhe von nur zwanzig Zentimetern fünf Kilometer lang sein würde. Anschließend vermaß er die Themse, dann den ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer, womit er zum ersten Mal etwas dokumentierte, das es genau genommen nicht mehr gab - und nun eben Schlachtfelder.

          Für die Serie wählte er Plätze aus, an denen die Weltgeschichte eine Wendung nahm oder aber Millionen Soldaten ums Leben kamen, ohne dass sich am Verlauf des Kriegs irgendetwas geändert hätte. Die Namen sind bis heute präsent, auch wenn die Orte selbst mitunter kaum noch jemand kennt und Kaluza die Lage manches Schlachtfelds sogar umständlich suchen musste. Nicht überall stehen Gedenktafeln oder Mahnmale, Heldendenkmäler oder gar einzelne Stelen, mit denen man die Punkte markiert hat, an denen berühmte Feldherren gefallen sind. An der Meerenge von Salamis musste Kaluza über Müllberge steigen, an der Somme wachsen Bäume, wo freies Feld gewesen ist. Aber meistens fand er sich in der Topographie weiter Ebenen wieder. Es braucht viel Platz, um Heerscharen aufeinanderjagen zu können. So schafft sich der Krieg durch die vorgegebenen Ansprüche an den Ort der Schlacht seine eigene Landschaftsästhetik.

          Kaluza war es weder darum zu tun, dem Krieg ein Moment von Pathos anzudichten, noch wollte er das Elend der Schlacht kommentieren. Er lief die Felder einfach nur ab und dokumentierte sie im Laufe von Stunden und Tagen - wie schon die beiden Flüsse - Meter für Meter, um die einzelnen Aufnahmen anschließend zu nahtlosen, museumssaallangen Friesen aneinanderzufügen. Was kann der Boden dafür, scheinen sie in ihrer nüchternen Art der Wiedergabe zu sagen, dass er mit Blut getränkt ist. Und doch stellen Namen wie Somme, Verdun oder Omaha Beach augenblicklich die Frage, ob dort jemals wieder Normalität herrschen könne.

          So ist es keineswegs der Künstler, der diese Orte entidyllisiert, sondern der Betrachter selbst, der sein Wissen mit in die Bildbetrachtung fließen lässt und unvermeidlich nach Indizien des Unheimlichen sucht. Prompt meint man, in den zarten Bäumchen einer Gegend Soldaten zu erkennen, die sich mit erhobenen Händen ergeben. Umgekippte Strohrollen erinnern an Gefallene. Und liegt nicht bei Waterloo der Schatten einer Wolke über der Landschaft geradeso wie ein Leichentuch? Kaluza nimmt derlei Interpretationen in Kauf. Das gerade wolle er ja erreichen, sagt er: dass man die Leere füllt.

          Einmal allerdings löste er sich während seiner Reisen zu den Schlachtfeldern Europas von dem selbstgestellten Anspruch auf Distanz. Ein Gewitterhimmel machte ihm ausgerechnet dort eine Shakespeare-Kulisse zum Geschenk, wo im Oktober 1415 die Truppen von König Heinrich V. von England auf das Heer von König Karl VI. von Frankreich gestoßen waren: in Azincourt. Stephan Kaluza kapitulierte - und hielt den magischen Moment im Rekordtempo fest.

          "Felder" von Stephan Kaluza. Dumont Verlag, Köln 2011. 108 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Broschiert, 39 Euro. Die Panoramen sind vom 2. bis 9. September im Raum für Kunst (Kai 10, 40221 Düsseldorf, www.kaistrasse.de) zu sehen.

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