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Rezension: Sachbuch : Meere

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          "Seestücke - Das Meer und seine Ufer" von James Hamilton-Paterson. Erschienen als Bertelsmann Taschenbuch 72157. Goldmann Verlag, München 1998. 320 Seiten. Broschiert, 17 Mark.

          In dem Buch "Seestücke" - jetzt als Taschenbuchausgabe erschienen - gibt es die großen alten Geschichten vom Meer nur noch als ein fernes, schwaches Rauschen, das in die Universalbibliothek eingeschlossen ist wie in eine der Muscheln, die sich Kinder gern ans Ohr halten. Nüchtern bilanziert James Hamilton-Paterson die Verwandlung der Meere in Wasserwege und Wirtschaftsräume, präzise informiert er über den Stand der kartographischen Erfassung des Meeresbodens. Auf einsame Inseln kommt er nur zu sprechen, um von ihrer Verwandlung in Urlaubsparadiese zu berichten oder davon, daß sie wie der kleine Felsbrocken Okinotorishima an der äußersten Südspitze des japanischen Archipels mit einer Schutzmauer aus Beton umzogen werden, um als Bestandteil eines "Territoriums" Fischerei- und Abbaurechte zu sichern. Hamilton-Peterson ist Journalist. Er weigert sich, literarisches Seemannsgarn fortzuspinnen, wenn die Leinen der Angler und tödlichen Treibnetze längst aus Nylon sind. Wenn er vom Raubbau des modernen Fischfangs und der Verödung ganzer Meeresregionen berichtet, setzt er auf die desillusionierende Energie der Reportage. Für die sentimentale Verklärung von Walen und Delphinen hat er nur Spott übrig. Man merkt seinen Sätzen an, daß er viel mit Fischern verkehrt. Er lebt nicht nur in England, sondern auch auf einer Suluinsel im malaysischen Archipel. Darum enthält sein Buch außer einem höchst lesenswerten Kapitel zur Naturgeschichte der Korallenriffs zugleich zahlreiche Miniaturen darüber, was aus der Welt geworden ist, die Joseph Conrad in Romanen wie "Sieg" für die westlichen Leser erschlossen hat. Lakonisch registriert er bei aller Modernisierung der Requisiten die alte Instabilität der Ordnung. Die Neigung zum Abgründigen aber, die alle diese "Seestücke" verbindet, entspringt weniger dem durchaus vorhandenen Mißtrauen gegenüber dem Raubtier Mensch als vielmehr der obsessiven Faszination des Autors durch die Dimension der Tiefe. Statt des horizontalen, lichtgetränkten Blicks über die Meeresoberfläche, der nur von einer dünnen, sich stets zurückziehenden Linie begrenzt wird, gibt der von der Vertikalen geleitete Blick in die lichtlosen Regionen diesem Buch seine Einheit. Ob Hamilton-Paterson den Leser in Pearl Harbour auf die versenkte "Arizona" hinabblicken läßt oder ob er anläßlich der Ortung der "Titanic" über ein Berührungsverbot für Schiffswracks nachdenkt, die Tote enthalten, stets ist seine Phantasie tiefenzentriert. Darum ist, was er schreibt, nur auf der Oberfläche eine Geschichte lückenloser Erschließung, Domestizierung und Rationalisierung der Meere. Zugleich handelt sein Buch vom Überleben der alten Allianz zwischen der Einbildungskraft und den Meerestiefen. Man lese nur die unheimliche wissenschaftsgeschichtliche Novelle, als die er den Aufstieg und Fall jener suggestiven Lehre erzählt, derzufolge alles, was vom Meer veschluckt wird, je nach seinem Gewicht nur bis zu einer gewissen Tiefe sinken kann, um danach ewig in zeitloser Schwebe dahinzutreiben. (lm)

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