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Rezension: Sachbuch : Ferne

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          "Karawane ohne Wiederkehr. Das Drama in der Wüste Takla Makan" von Bruno Baumann. Malik Piper Verlag, München 2000. 320 Seiten, zahlreiche aktuelle und historische Fotografien. Gebunden, 39,80 Mark. ISBN 3-89029-177-5.

          Bruno Baumann hat eine Bilderbuchwüste durchquert, "gelbe gestaffelte Dünenberge, eine Welt zu Sandkörnern reduziert", hätte es beinahe nicht überlebt und hat - natürlich - ein Buch darüber geschrieben. Das ist verständlich, denn der Abenteurer, als der er sich sieht, finanziert seine Reisen mit Veröffentlichungen und Dia-Vorträgen. Damit unterscheidet er sich wenig von Sven Hedin. Der ist 1895 durch die Takla Makan in Zentralchina marschiert, hätte es beinahe nicht überlebt und schrieb danach Bücher. Baumann hat diese aufmerksam gelesen und sich an Hedins Spuren geheftet. Er wirft ihm vor, die geographische Wissenschaft habe "als Legitimation für seine Abenteuerreisen" herhalten müssen. Das ist dann doch dick aufgetragen, denn Baumann tut nichts anderes, nur eben unter dem Vorwand, nun seinerseits den Wahrheitsgehalt der Bücher Sven Hedins zu überprüfen. Seine Enthüllung, weshalb Hedin scheitern mußte, ist banal - und sei hier verraten: Er hatte zuwenig Wasser dabei, von Anfang an aber keine Möglichkeit, mehr zu transportieren. Was stört, ist Baumanns Arroganz. Er schreibt - nicht zu Unrecht -, Teile der Tourismusindustrie lebten vom konfektionierten Pseudoabenteuer, echtes Abenteuer jedoch lasse sich weder planen noch buchen. Aber welcher Rechtfertigungsdrang steht dahinter, daß er sich als den echten Abenteurer darstellen muß? Über andere Wüstenwanderer schüttet er Häme aus, sie gäben "selbstverständlich vor, den Spuren von Sven Hedin zu folgen", wie jeder Pauschaltourist, der sich in den Dünen von Dunhuang die Beine vertrete. Solche Ausrutscher sind bedauerlich, zumal Baumann ansonsten ein lesenswertes Buch zustande gebracht hat. Er hat umfassend recherchiert, schreibt spannend, und die Fotos sind bestechend schön. Sein Fazit hingegen, er kenne wie Sven Hedin den Lockruf der Wüste und sei ihrer unerklärlichen Faszination erlegen, ist dünn und bleibt an der Oberfläche. Baumann kann nicht erklären, warum er den Sirenenstimmen nicht widerstehen kann - und begreift nicht, daß dies gar nicht nötig ist. Für derart absurde Unternehmungen sind Begründungen, wenn sie den Drang zu Grenzerfahrungen nicht stichhaltig analysieren, schlicht überflüssig. Wer es nicht lassen kann, der soll eben auf Achttausender steigen, die Welt umsegeln, Wüsten durchqueren. Soll es genießen und Geld damit verdienen - und einfach gute Bücher schreiben. Das genügt doch. (bär)

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