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Rezension: Sachbuch : Europa

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"Wo ißt Österreich? 2001/2002" von Christoph Wagner und Klaus Egle. Pichler Verlag, Wien 2001. 648 Seiten. Broschiert, 24,90 Euro. ISBN 3-85431-233-4.Alle Sterne und Kochmützen dieser Welt, die jedes Jahr von mehr oder minder renommierten Gastroführern an die Gourmetküchen verliehen werden, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß Deutschland keine traditionelle Wirtshauskultur mehr hat.

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          "Wo ißt Österreich? 2001/2002" von Christoph Wagner und Klaus Egle. Pichler Verlag, Wien 2001. 648 Seiten. Broschiert, 24,90 Euro. ISBN 3-85431-233-4.

          Alle Sterne und Kochmützen dieser Welt, die jedes Jahr von mehr oder minder renommierten Gastroführern an die Gourmetküchen verliehen werden, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß Deutschland keine traditionelle Wirtshauskultur mehr hat. Im benachbarten Österreich hat sie sich nicht nur gehalten, sondern erlebt geradezu eine Renaissance. Das zeigt auch der neue Führer zu den "1200 der besten Gasthöfe, Wirtshäuser und gutbürgerlichen Restaurants in Österreich, Friaul, Slowenien und Südtirol", für den der ehemalige Chefredakteur des Gault Millau Österreich, Christoph Wagner, mitverantwortlich zeichnet. Anders als bei den gängigen Werken muß bei Wagner kein Koch und kein Wirt seine Hinrichtung fürchten. Schlechte Leistung honoriert der österreichische Kulinariker still und leise: In der darauffolgenden Ausgabe von "Wo ißt Österreich?" wird das Wirtshaus ganz einfach nicht mehr erwähnt. Auch sonst verzichten die Herausgeber Wagner und Egle auf die ökonomisch immens notwendigen, aber in der "Haute Cuisine" ebenso umstrittenen Rangsymbole der Sterne, Hauben oder Kochlöffel. Taucht kein Symbol vor dem Wirtshausnamen auf, dann bedeutet das bei Wagner schlicht und einfach: Hier haben wir gut gegessen. Ein Mund vor dem Wirtshausnamen symbolisiert: Hier haben wir besonders gut gegessen. Ein Herz sagt: Hier haben wir uns besonders wohl gefühlt. Die Zahl von Eurozeichen signalisiert die Preisklassen, die der Weingläser die Qualität der Weinauswahl. Viel mehr an Symbolen muß der Leser nicht lernen. Wagner hat in einer erfreulich einfachen Sprache wieder Vergessenes entdeckt: daß ein Wirtshaus einen Stammtisch und einen "Schank", also Tresen, haben muß; daß ein Wirtshaus nicht unbedingt Tischdecken, aber einen Herrgottswinkel braucht; daß ein Wirtshaus ein Ort ist, wo bodenständig und ehrlich und mit regionalen Produkten gekocht wird - wie in einem der ältesten Gasthöfe Tirols, der "Traube" in Lans, wo die Pustertaler Schlutzkrapfen und die Südtiroler Weinsupp' den Honoratioren aus Stadt und Land vortrefflich schmecken. Insofern ist die Wiederentdeckung des (österreichischen) Wirtshauses auch der heimliche Aufstand des medial stummen Bürgertums gegen die medial überrepräsentierten Vertreter der Lifestyle- und Eventgastronomie. (rrs)

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