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Rezension: Sachbuch : Europa

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"Florenz 1900. Die Suche nach Arkadien" von Bernd Roeck. Verlag C. H. Beck, München 2001. 336 Seiten, 28 Abbildungen. Gebunden, 29,90 Euro. ISBN 3-406-47976-6.Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war auch der Beginn einer neuen Vorstellung: Binnen weniger Jahre hoben Sigmund Freud, Max Planck und ...

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          "Florenz 1900. Die Suche nach Arkadien" von Bernd Roeck. Verlag C. H. Beck, München 2001. 336 Seiten, 28 Abbildungen. Gebunden, 29,90 Euro. ISBN 3-406-47976-6.

          Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war auch der Beginn einer neuen Vorstellung: Binnen weniger Jahre hoben Sigmund Freud, Max Planck und Albert Einstein das alte Weltbild aus den Angeln, zudem revolutionierte Aby Warburg mit seinem Forschungsansatz Methoden und Fragestellungen der Kunstgeschichte. Florenz, dessen urbanistische Entwicklung am Fin de siècle sowohl für die Zerstörung der Geschichte wie auch für ihren Widerpart, die Historisierung des Lebens, als exemplarisch angesehen werden kann, war für den jungen Warburg, der zusammen mit seiner Frau zwischen 1897 und 1904 in der Stadt lebte, Sehnsuchtsort und Fluchtburg zugleich. Es war in Florenz, wo er die rückblickend wichtigste Entscheidung seines Lebens traf: die Einrichtung einer kulturwissenschaftlichen Bibliothek, welche das Handwerkszeug für Forschungen zu den psychischen und sozialen Bedingungen von Kunst versammeln würde - Ursprung des heutigen Warburg Institute in London. Dem Historiker Bernd Roeck gelingt mit dem vorliegenden Buch eine Art Doppelportrait: Er beschreibt den dramatischen Umbruch zwischen Alter und Neuer Welt am Beispiel Florenz und zieht zugleich Bilanz der wissenschaftlichen Erträge Warburgs aus Florentiner Zeit, seine Arbeiten zu Botticelli, Leonardo, Piero della Francesca. In seiner Dissertation über Botticellis "Geburt der Venus" und "Frühling" hatte Warburg das konkrete historische Milieu der beiden Gemälde zu entschlüsseln versucht. Um seinen eigenen zeitgenössischen Kontext - so die provokante These Roecks - scheint er sich dagegen wenig gekümmert zu haben. Wie die meisten Deutschen lebte auch das Ehepaar Warburg in Florenz gleichsam jenseits der Gegenwart; die sozialen Umbrüche, die blutigen Mai-Unruhen des Jahres 1898, waren für sie kein Thema. Neben dem "Renaissancismus" der Florentiner Fremdenkolonie macht Roeck gerade diese Umbrüche zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung und zeichnet damit die Vorgeschichte der heutigen Stadt. Wer sich mit Warburgs Forschungen beschäftigt und Florenz nicht nur museal wahrnehmen will, kommt um dieses trotz seines Materialreichtums höchst flüssig geschriebene Buch nicht herum. (Pa.)

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