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Rezension: Sachbuch : Europa

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          "Aufzeichungen aus Georgien" von Clemens Eich. S. Fischer Verlag, Frankfurt 1999. 127 Seiten, eine Karte. Gebunden, 32 Mark. ISBN 3-10-017007-5.

          Clemens Eich, 1954 als Sohn von Ilse Aichinger und Günter Eich zur Welt und seit den achtziger Jahren als Lyriker, Dramatiker und Romanautor zu eigenen Ehren gekommen, hatte als einer seiner letzten Buchideen dem S. Fischer Verlag einen Band über Georgien angeboten, das kleine Land am Fuße des Kaukasus. "Ein Buch des Fragens soll mein Beutebuch aus Georgien sein", schrieb er in einem Exposé, und: ",Zu Ende gedacht' - was man hierzulande so sehr liebt, bis nichts mehr übrigbleibt - sollte nach Möglichkeit nichts sein." Etwa zweihundert Seiten schwebten ihm vor. Doch im Februar des vorigen Jahres kam Clemens Eich bei einem Unfall ums Leben. An dem Werk hatte er damals erst zu schreiben begonnen. Nun hat der Verlag das unvollendete Manuskript veröffentlicht; gut die Hälfte kaum mehr als Textsplitter: knappe Beobachtungen, Erinnerungsfetzen, Gedankenspiele, pointierte Analysen, manchmal nur ein einziges Wort - dies alles wie zufällig aneinandergereiht. Trotzdem entstand ein kleines Meisterwerk der Reiseliteratur. Denn gerade im Charakter des Stückwerks vollendet sich die ursprüngliche Absicht des Autors auf makabre Weise - und spiegelt sich zudem die Situation Georgiens wider, eines Landes als Trümmerfeld. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Bürgerkriegs fahnden die Georgier, wie schon so oft in ihrer Geschichte, nach der eigenen Identität. Doch von Aufbruchstimmung kann keine Rede sein; im Gegenteil. Hin und her gerissen zwischen Ost und West, Orient und Okzident, Asien und Europa, scheint die Suche geradewegs zur Erstarrung geführt zu haben. Die Schlote rauchen nicht, Förderbänder stehen still, es gibt keinen Strom, Wasser fließt nur selten aus den Leitungen, die Menschen leben in finsteren Räumen, Orte versinken im Schlamm, alles rottet vor sich hin. Es ist eine Welt von kafkaesker Bedrohung und Schönheit zugleich. Eine Welt, in der jeder Freundlichkeit der Hauch von Machtstreben anhaftet, jede Begegnung Hilfe und Bedrohung zugleich sein kann und Erkenntnis immer nur als Schatten der Verwirrung zu gewinnen ist. Dreimal besuchte Clemens Eich Georgien, und jedesmal, so gewinnt man den Eindruck, entzog es sich ihm durch seine vielen Widersprüche ein wenig mehr, einerlei, ob er in der Hauptstadt Tiflis unterwegs war oder in den unwegsamen, wilden Bergregionen, wo er eine entfernte Verwandte Stalins besucht. "Vieles bleibt unerwähnt", schreibt er an einer Stelle, "vielleicht, weil ich es nicht sah, vielleicht weil ich es sah." (F.L.)

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