https://www.faz.net/-gqz-2dzj

Rezension: Sachbuch : Der Tod, das muß ein Wiener sein

  • Aktualisiert am

          1 Min.

          Wien ist anders. Die Obdachlosen sind Sandler, die Kutschen Fiaker, im Café Hawelka gibt es Buchteln, und die Zeitung holt man nicht am Kiosk, sondern in der Tabak-Trafik, bei einem alten Mann, dem meist ein Bein fehlt oder auch ein Arm und der von damals erzählt, als er im Krieg war. Gerhard Trumler hat sie fotografiert, die Sandler im zweiten Bezirk, den Leopold aus dem Hawelka und die Tabak-Trafik bei der Burggasse. Wien ist anders, aber anders als was? Daß Trumler für seinen Bilderreigen Trauriges fotografiert hat, Wehmütiges, Nebelverhangenes, verrät es nicht. "Der Tod, das muß ein Wiener sein" - damit kokettiert ein jeder in dieser Stadt, liebäugelnd mit dem eigenen Untergang. Ingeborg Bachmann, die Klagenfurterin, die Wien nicht ertrug, diese "stumme Inquisitorin mit dem unverbindlichen Lächeln", verging noch im ewigen Rom vor Sehnsucht nach dem Schwarzwasser der Donau und dem Wiener Kastanienhimmel. Ihre Texte begleiten die melancholischen Schwarzweißbilder neben Auslassungen Adalbert Stifters über Feldblumen, das alte Wien oder über den Kondor. Der Fotograf läßt sich treiben von einer süßen Melodie, einer Mischung aus Wiener Lied, Walzer und ein bißchen Radetzkymarsch. Die alte Zeit, sie ist längst vergangen, doch hier leistet sich einer den Traum von Vergangenem. Alles Neue, dies sei gewiß, mache nur krank. Der Turmalin, jener Edelstein aus Südamerika oder Australien, den der Fotograf als Titel für seinen Bildband auserwählt hat, ist auch immer anders, mal rot, mal grün, schwarz oder braun. Manchmal ist der Edelstein auch farblos, nicht so Trumlers Eindrücke aus der Josefstadt, dem Prater oder vom Stephansdom. Er hat sie die "Wirklichkeit eines Traumes" genannt. Den Traum auszumalen gelingt seinen Bildern nicht. Aber eine Ahnung schleicht sich ein: In seiner Andersheit bleibt Wien immer Wien, und das, so hat einer mal gesagt, ist eine Drohung.

          S.K.

          * "Turmalin. Wirklichkeit eines Traumes - Wien" von Gerhard Trumler (Fotografien), mit Texten von Ingeborg Bachmann und Adalbert Stifter. Bibliothek der Provinz, Weitra - Wien - München 2000. 156 Seiten, zahlreiche Schwarzweißabbildungen. Gebunden, 144 Mark. ISBN 3-85252-351-6.

          Weitere Themen

          Ein Denkmal seiner selbst

          Bildhauer Cellini : Ein Denkmal seiner selbst

          Das Enfant terrible unter den Künstlern der italienischen Renaissance: Uwe Neumahr legt ein facettenreiches Buch über Leben und Werk Benvenuto Cellinis vor.

          Wie plant man einen Coup?

          Investigativjournalismus : Wie plant man einen Coup?

          Kein Glamour, nur Geduld: Das Münchner Dokfest zeigt den Film „Hinter den Schlagzeilen“ über die Investigativjournalisten der „Süddeutschen Zeitung“. Leider fehlen die spannendsten Aspekte dieses wichtigen Berufsfelds.

          Topmeldungen

          Neue Nummer drei: Elise Stefanik im Januar 2020 nach Trumps Freispruch im Weißen Haus.

          Machtkampf der Republikaner : Aufstieg einer glühenden Trumpistin

          Die vergangenen Tage haben eindrücklich gezeigt: Auch nach der Wahlniederlage hat Donald Trump die Fraktion der Republikaner unter Kontrolle. Sein neuester Coup ist die Beförderung von Elise Stefanik.

          Nahost-Konflikt : Hamas feuern Raketen auf Jerusalem

          Gegen 18 Uhr Ortszeit wurden aus Gaza-Stadt Dutzende Raketen in Richtung Jerusalem abgefeuert – ein Zivilist wurde verletzt. Auf dem Tempelberg ist ein weithin sichtbares Feuer ausgebrochen.
          Cybergangster kommen nicht durchs Tor: Tankanlagen an einer Abzweigung im Pipeline-System von Colonial im Bundesstaat Alabama

          Hackerangriff auf Pipeline : Lösegeld für das schwarze Gold

          Eine Cyberattacke in den Vereinigten Staaten beeinträchtigt den Transport von Öl. Sollten die Folgen anhalten, könnten auch hierzulande Öl und Benzin nochmal teurer werden.
          Hat gut lachen: Hamburgs Interimstrainer Horst Hrubesch (rechts) klatscht mit HSV-Spieler Moritz Heyer ab.

          5:2 gegen Nürnberg : Mit Hrubesch läuft es beim HSV

          Mit Interimstrainer Horst Hrubesch siegt Hamburg gegen Nürnberg deutlich. Damit wahrt der HSV eine kleine Chance auf den Aufstieg. Doch auch Konkurrent Kiel holt gegen Hannover drei Punkte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.