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: Raumschiff Enterprise und der imaginäre Inder

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Am Anfang der Reise war eine Schnapsidee. In feuchtfröhlicher Runde beschlossen die Kölner Autoren Andreas Izquierdo und Andreas Heckmann, nach eigener Aussage Hypochonder und Reisemuffel, auf Selbstfindungstrip und Weltreise zu gehen: Mit verbundenen Augen schmissen sie zur Erkundung ihrer Reiseziele jeweils drei Dartpfeile auf eine Weltkarte.

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          Am Anfang der Reise war eine Schnapsidee. In feuchtfröhlicher Runde beschlossen die Kölner Autoren Andreas Izquierdo und Andreas Heckmann, nach eigener Aussage Hypochonder und Reisemuffel, auf Selbstfindungstrip und Weltreise zu gehen: Mit verbundenen Augen schmissen sie zur Erkundung ihrer Reiseziele jeweils drei Dartpfeile auf eine Weltkarte. Fiel der Pfeil ins Meer, wurde die nächste erreichbare Landmasse anvisiert. Während Izquierdos Pfeile die Isla del Cisne in der Karibischen See, den knapp viertausend Meter hohen Yushan-Berg in Taiwan und den finnischen Ort Jyväskylä trafen, hatte Heckmann mit der Isla de Cedros vor der mexikanischen Küste, Taipan, ein "Klumpen Erde irgendwo im Pazifik", und Aleksandrov Gaj in Kasachstan wenig Fortune. Als Treffpunkte vereinbaren die Abenteurer Mexico City, Bombay und St. Petersburg. Sechs Wochen dauert das Projekt, das ihnen zunächst auch nüchtern noch gefällt. Die Tagebucheinträge, die in peripheren Impressionen ihre Reisestationen rekonstruieren, erzählen den Daheimgebliebenen von einschlägigen Erfahrungen, schäbigen Absteigen und skurrilen Begegnungen. Das Buch, das vom Rhythmus der alternierenden Stimmen und Stationen des Autorenduos lebt, evoziert die Soziologie des Hupens im Straßenverkehr Nicaraguas, Märkte und Moscheen, Japans Badekultur oder taiwanische Teestuben. Doch das originelle Reisekonzept kann handwerkliche Mängel und einen Hang zum Trash kaum kaschieren. Das aus Internet-Blogs, die als Genre die klassische Reisebriefliteratur heute wohl abgelöst haben, hervorgegangene Buch wurde politisch ein wenig korrigiert. Ein tiefergehendes kulturelles Erkenntnisinteresse aber wird als "unmännliche Art zu reisen" abgetan, vielmehr ist von einer "Raumschiff-Enterprise-Landschaft" (Hawaii) oder einem "Buster-Keaton-Stoneface" als Gesichtsausdruck der Japaner die Rede. Nur allzu selten, etwa am Kriegsschauplatz Saipan, wird den Autoren die Geschichtsdurchdringung der touristischen Gegenwart gewahr. Auch die halbherzigen Versuche, etwas Tiefgang (wie im "Gespräch mit einem imaginären Inder") in das selbsternannte Kultbuch zu bringen, schlagen fehl: Die reisephilosophische Pointe, dass es den Dartpiloten "nicht um das Erreichen der Orte geht und auch nie gegangen ist", kommt schließlich weniger zenbuddhistisch als vorhersehbar daher.

          sg

          "Dartpilots. Das Kultbuch für Zufallsreisende" von Izquierdo & Heckmann. Kölnisch-Preußische Lektoratsanstalt, Köln 2007. 176 Seiten. Gebunden, 9 Euro.

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