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: Nirgendwo ein Fetzen Nebel

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Warum "Zeit" und warum "Sir"? Der Sinn des Titels erschließt sich bis zum Ende nicht. Tatsächlich handelt es sich hier um den belesenen Versuch einer Bestsellerautorin aus Philadelphia, London als Hauptstadt der Welt aus vielen, meist vergilbten Buchseiten noch einmal erstehen zu lassen, gewissermaßen ...

          Warum "Zeit" und warum "Sir"? Der Sinn des Titels erschließt sich bis zum Ende nicht. Tatsächlich handelt es sich hier um den belesenen Versuch einer Bestsellerautorin aus Philadelphia, London als Hauptstadt der Welt aus vielen, meist vergilbten Buchseiten noch einmal erstehen zu lassen, gewissermaßen als Bildungsroman eines Yankees aus Pennsylvania - aber ganz ohne Sarkasmus. "Imagined London" heißt das Erzählbuch im Original, und das meint die Weltstadt als Wille und Vorstellung einer Leserin, deren buchstäblich erlesenes London-Bild sie lange Zeit davon zurückhält, die Stadt persönlich kennenzulernen. Jetzt trägt sie schwer an ihren Vorurteilen, nennt "clotted cream" eine "seltsame Substanz", rechnet die Fifth Avenue als Zahlwort gegen "Elephant and Castle" auf (ohne doch die Steigerung mit der Infantin von Kastilien als kryptisch-etymologischen Ursprung zu kennen), hält "die Holländer" ungerührt für "taktlos und sachlich", die Franzosen für "hochnäsig" und die Londoner für "von Natur aus zurückhaltend". Dafür vermisst sie den englischen Nebel, der seit einem halben Jahrhundert vom Winde verweht ist. So ahnt man, welche Bücher sie gelesen hat. Dass sie London nach der Reise noch mehr liebt als vorher, verwundert niemanden, denn es entspricht der Art der Wahrnehmung über die Literatur, der sie entnommen haben will, "dass sich die sozialen Probleme und persönlichen Dramen über all die Jahrhunderte nicht verändert haben" - eine Aristokratin der Gesinnung. So wundert sie sich, dass am Buckinghampalast inzwischen Hinweistafeln auch auf Deutsch zu finden sind, wo doch die Deutschen den Palast mit Bomben nicht allein beworfen, sondern auch getroffen haben. Das macht den seltsamen Reiz dieses Buchs aus, dass "der hässliche Ami", für den sie sich hält, das amerikanische Englisch endlich einmal als "Kauderwelsch" bezeichnet, während man in England auch nach Thatcher "Politiker" noch als "Staatsmänner" bezeichnet. So sollte man das Buch, das in Amerika erschienen ist, schleunigst auch im Englischen verbreiten.

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          "It's London Book Time, Sir. Eine literarische Spurensuche" von Anna Quindlen. Frederking & Thaler Verlag, München 2006. 158 Seiten, eine Karte. Gebunden. 18 Euro. ISBN 3-89405-496-4.

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