https://www.faz.net/-gqz-veqm

: Müll übersehen mit routiniertem Blick

  • Aktualisiert am

Bücher, die mit einer "Liebeserklärung" beginnen, kann man meist gleich wieder zuklappen. "Im Inselorchester des Erdballs", erklärt Klaus Bötig, "setzt Kreta unverwechselbare Akzente. Seine Klänge sprengen die Partituren des Üblichen, betten Dich in eine Welt ein, die über die Horizonte des Sichtbaren weit ...

          Bücher, die mit einer "Liebeserklärung" beginnen, kann man meist gleich wieder zuklappen. "Im Inselorchester des Erdballs", erklärt Klaus Bötig, "setzt Kreta unverwechselbare Akzente. Seine Klänge sprengen die Partituren des Üblichen, betten Dich in eine Welt ein, die über die Horizonte des Sichtbaren weit hinausreicht." Unter diesen Umständen wirkt sich jeder scharfe Blick auf das Sichtbare ausgesprochen liebestötend aus. Demgemäß ist das Buch in Aquarelltechnik illustriert, von Hans-Jürgen Gaudeck, dessen "geschickte Pinselführung" (Verlagswerbung) sich denn auch auf "das innere Licht" konzentriert, "das sich dem routinierten bloßen Auge verbirgt". Was dieses sieht, verschweigt Bötig indessen nicht ganz. Von den Blumentöpfen in den Dörfern berichtet er gar Hässliches: "Plastik, rostende Olivenölkanister und Konserveneimer". Doch derlei muss man nur, wie der Titel des Kapitels rät, "Anders sehen". Und zwar "atomistisch": "Aus den Atomen des Schönen entsteht etwas Neues, die Atome des Hässlichen bleiben im Filter des selektierenden Auges hängen." Bötigs optische Filter müssen wahre Schmutzfänger sein. Denn es gibt auf dieser sehenswerten Insel keinen Fleck, auf dem nicht ganzjährig Plastikflaschen oder -beutel herumliegen, keine Straße, von der nicht ein Auto- oder Mopedwrack zu sehen ist, keine Gemarkung, in der nicht eine wilde Müllkippe gammelt. Und wenn eine solche doch einmal (in Zahlen: 1) durch Bötigs Filter schlüpft, dann ist der Tourist schuld: "Sonnenölständer, von Urlaubern leergeräumt, liegen im Graben" nebst weiterem Unrat, "nur ein paar Wochen sind sie hier und schon ein Schandfleck". Und die neuen Häuser, die in der Landschaft wie "Fremdkörper wirken", haben selbstverständlich die "vielen Ausländer" bauen lassen. Die Kreter des Buchs aber wohnen in "ziegelgedeckten Natursteinbauten". Die Betonskelettbauten, in denen neunzig Prozent der sichtbaren Kreter leben, kommen in den dreißig Kapiteln sowenig vor wie die betonierten Dorfgassen oder das Wort "Beton" überhaupt. Selbst auf den Friedhöfen liegen die Kreter nur "zwischen Marmor" - der Betonkern der Sarkophage entgeht auch dem routinierten Auge -, und wenn Bötig doch was sieht, wird klar, dass er gar nicht weiß, was Beton ist. Die vielen hässlichen Schuppen, die man "auf jedem Friedhof Griechenlands findet", sind "aus Zement".

          dtz

          "Tage auf Kreta" von Klaus Bötig (Text) und Hans-Jürgen Gaudeck (Aquarelle). HSB-Verlag, Nagold 2007. 85 Seiten, 48 Farbabbildungen. Gebunden, 15,90 Euro.

          Weitere Themen

          Die engere Wahl

          Michael-Althen-Preis 2019 : Die engere Wahl

          Rund hundert Texte sind für den Michael-Althen-Preis 2019 eingereicht worden, der am 8. Oktober verliehen wird. Diese elf sind in der engeren Wahl.

          Kinderblicke auf Nazis

          Filmfest in Toronto : Kinderblicke auf Nazis

          Es war ein ersehnter Höhepunkt beim Filmfest in Toronto: Taika Waititis „Jojo Rabbit“ macht Hitler zum Mitwirkenden einer Komödie über die Schoa.

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.