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Montreux Palace : Schmetterling und schwarzer Schwan

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Eine treue Liebe: Vladimir Nabokov und das Montreux Palace Bild: Montreux Palace

Das Grandhotel Montreux Palace, eine Hochburg des zeitlosen Müßiggangs, war für den Literaten Vladimir Nabokov viele Jahre lang ein viel geliebter Rückzugsort. Noch heute erinnert man sich dort gern an ihn.

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          Wenn er den Namen Nabokov hört, verklärt sich Antonio Trigueros Blick, als hätte er den Allmächtigen gesehen. Und stimmt der Spanier sodann sein ganz persönliches Hohelied auf den Schöpfer der "Lolita" an, scheint sich die Zeit in der ehrwürdigen Grand Hall für ein paar Momente lang zurückzudrehen.

          Sechsunddreißig Jahre arbeitet der in Madrid geborene Barmann inzwischen im "Montreux Palace", dem imposanten, das Stadtbild Montreuxs weithin dominierenden Grandhotel an der Grand Rue. Die Bar "La Rose d'Or" im ersten Stock des Hauses ist seine erlesen bestückte Wirkungsstätte, wenn sich die Nacht über den Genfer See und die nahen Berge senkt. Elton John oder dem Gitarristen Carlos Santana hat der Mann mit dem silbergrauen Haar ebenso die Drinks gemixt wie Herbert Grönemeyer oder der Südstaatenlegende Ray Charles.

          Ausgedehnte Teestunden mit illustren Gästen

          Antonios Samstagnachmittage aber gehören noch heute den verstorbenen Freunden, den Nabokovs allen voran. Dann setzt er sich in seinen nachtblauen Citroen, fährt zu dem gerade mal einen Steinwurf entfernten, am Hang gelegenen Friedhof von Clarens und legt Blumen an ihr Grab. "Monsieur Nabokov und Madame Vera sind immer so freundlich gewesen", sagt er, wobei ein Leuchten seine kleinen hellen Augen erfaßt, "und so einfach, so unkompliziert. Ein wundervolles Paar."

          In der Umgebung des Hotels jagte Nabokov Schmetterlingen nach

          Und dann erinnert er sich an die ausgedehnten Teestunden der beiden im Salle de Musique, an die verschwiegenen, dann und wann von heiterem Gelächter begleiteten Sonntagnachmittage des Dichters an der Seite seiner aus dem nahen Genf herübergekommenen Schwester Elena oder im Kreise seiner Freunde, zu denen der Verleger Ledig-Rowohlt und der Pianist Nikita Magaloff ebenso zählten wie der Amerikaner James Mason, der in Stanley Kubricks berühmter "Lolita"-Verfilmung den in die gleichnamige Nymphe vernarrten Humbert Humbert spielte. "Das Äußerste, was Monsieur Nabokov sich gönnte", erinnert sich Antonio, "war dann und wann ein Glas Campari. Aber da mußte er schon ganz besonders gut gelaunt sein!"

          Aufregende Stunden für den Schmetterlingssammler

          Es muß die Erinnerung an die italienische Riviera gewesen sein, an der Vladimir Nabokov als Kind die Ferien verbrachte, die ihn dazu bewog, sich am Genfer See niederzulassen. Nach zwanzigjähriger Lehrtätigkeit in den Vereinigten Staaten und dem plötzlichen Erfolg seines Romans "Lolita", der ihm fortan eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit garantierte, war der am 23. April 1899 als ältester Sohn einer überaus wohlhabenden St. Petersburger Familie geborene Schriftsteller 1961 seinen großen schreibenden Landsleuten gefolgt und wie Gogol, Dostojewski oder Tolstoi an die "Perle de la Riviera suisse" übergesiedelt. Deren mediterrane Fauna versprachen dem passionierten Schmetterlingssammler aufregende Stunden.

          "Wenn er von seinen Ausflügen zurückkehrte, ließ er uns manchmal seine Fänge begutachten", erinnert Antonio sich an den mit Shorts, Bergstiefeln, Kniestrümpfen und einem Regencape bekleideten Mann, dessen Leben bis zuletzt im Zeichen der Schmetterlinge, des Schachspiels und des Schreibens stand. Nabokov liebte die Schweiz, liebte ihre alpinen Wiesen mit den nur dort fliegenden Faltern und die spektakulären Sonnenuntergänge, die er vom Balkon seines Seeblickapartments aus beobachten konnte.

          Der Palast der Stadt

          Daß Vladimir Nabokov bis zu seinem Tod 1977 hier seine letzten sechzehn Lebensjahre verbrachte, ist nur den wenigsten der Bewohner von Montreux noch präsent. Mittendrin in dieser Ansammlung kleinstädtischen Lebens, das mit seinen gelben, sommerlich leuchtenden Markisen stets einen Hauch feierlicher Größe verströmende "Montreux Palace" - der Palast der Stadt. Ein zwischen mondänem Chic und historischer Grazie ausgestattetes Luxushotel der ganz besonderen Art, hinter dessen opulenter Belle-Epoque-Kulisse tagtäglich ein komplexes Räderwerk moderner Hotellerie akkurat abläuft. Der Regisseur Hans Geissendörfer fand in den Räumen des "Palace" Anfang der achtziger Jahre ebenso die erträumten Räumlichkeiten für die schwüle Atmosphäre seiner filmischen Adaption des Thomas-Mann- Romans "Der Zauberberg" wie vor ihm Sarah Bernhardt und Richard Strauss, die in den weitläufigen Gängen unbehelligt ihren Delirien frönten.

          Der Lausanner Architekt Eugene des Jost hatte das Jugendstilgebäude 1906 in einer Bauzeit von nur achtzehn Monaten errichtet und zu einer Hochburg des zeitlosen Müßiggangs gemacht, die 235 klimatisierten Zimmern Platz bietet. Wer wie Vladimir Nabokov vor allem auf Diskretion aus war, dem bot das "Palace" in seiner unveränderlichen Beständigkeit ein vom tagtäglichen Hotelbetrieb dezent separiertes Refugium. Stand dem Schriftsteller der Sinn nach Ruhe oder körperlicher Ertüchtigung, begab er sich entweder in den Salle de Musique oder auf den hauseigenen Tennisplatz. Seine stets schriftlich vorformulierten Interviewantworten, die er, nüchtern in die Fernsehkameras blickend, vom Papier ablas, gab Nabokov mit Vorliebe im Sessel sitzend in der Grand Hall. Genau betrachtet, aber ist der Schöpfer solcher Romane wie "Pnin", "Fahles Feuer", "Das Bastardzeichen" oder "Ada oder Das Verlangen" in der geradezu dörflich anmutenden Enge des Ortes hängengeblieben wie ein Schachbrettfalter, der sich in seinem Fangnetz verheddert hat.

          Letzte Bleibe Nabokovs

          Die nicht eben großen Zimmer in der sechsten Etage des "Palace", zunächst als vorübergehende Unterkunft gemietet, von welcher aus das Paar in aller Ruhe nach einem festen Wohnsitz in der näheren Umgebung Ausschau hielt, wurden schließlich zur letzten Bleibe Nabokovs - und zu einer Plattform für Reminiszenzen an seine Jugend im aristokratischen St. Petersburg, die so strahlend für ihn begann und mit der Revolution jäh zu Ende ging. Ein Ort für Beschwörungen längst vergangener Zeiten und Träume, kurzum: das Gefühls- und Gedankenreich, in dem Romane wie "Fahles Feuer", "Ada oder das Verlangen" oder seine literarischen Erinnerungen der Jahre 1903 bis 1940, der Band "Erinnerung, sprich" entsprangen - im Stehen niedergeschrieben auf linierten Karteikarten aus Bristol-Papier.

          In ihrem gesteigerten Verlangen nach Anonymität und Diskretion hatten die Nabokovs nach ruhelosen Jahren in Berlin, Paris und Amerika in Montreux einen Platz gefunden, der ihnen sowohl die Nähe zu ihrem einzigen Sohn Dmitri bot als auch jenes Umfeld verhieß, das Beschaulichkeit und Kontinuität versprach. Und sofort war der Dichter von den Gegensätzlichkeiten, welche die Region zu bieten hat, gefangen: hier die alpine Grandezza Montreuxs und die Lieblichkeit der Schweizer Riviera, dort die Herausforderungen, die sich dem passionierten Lepidepterologen Nabokov auf stundenlangen Jagden stellten.

          Aus der Suite Nabokov wurde ein Apartment

          Im Oktober 1961 bezog das Ehepaar eine möblierte Suite im sechsten Stockwerk des "Montreux Palace". Heute erinnern nur noch Horst Tappes berühmte Schwarzweißfotografien des Dichters an den Wänden des Flurs im sechsten Stockwerk daran, wer die dahinterliegenden Räume einmal bewohnte. Infolge eines notwendig gewordenen Umbaus hat man die sogenannte "Suite Nabokov" in ein Apartment verwandelt. Nur die Stehlampe mit dem charakteristisch gewundenen Holzfuß steht noch an ihrem alten Platz. Doch man kann sich leicht vorstellen, wie der Dichter einst ruhelos durch diese Räume geschritten sein muß, auf der Jagd nach der zündenden Idee wie nach einem schwarzen Apollofalter.

          "Der schwarze Schwan vom Genfer See", wie ihn die Einheimischen während seiner Jahre in Montreux nannten, verfaßte nicht nur fünf Romane an den Ufern des Sees, sondern auch große Teile seiner Autobiographie; ruhelos um die Themen Täuschung und Bezauberung kreisende Werke. Und so beginnt sein Lebensrückblick "Erinnerung, sprich" mit den Worten: "Die Wiege schwingt über einem Abgrund, und der Verstand sagt uns, daß unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist." Doch weil der Verstand das eine ist, Gefühle aber etwas anderes, wird es Antonio, den Barmann aus dem "Palace", auch weiterhin regelmäßig auf den Friedhof von Clarens und an das Grab des Dichters ziehen, zu seinen Freunden.

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