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Montreux Palace : Schmetterling und schwarzer Schwan

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Der Lausanner Architekt Eugene des Jost hatte das Jugendstilgebäude 1906 in einer Bauzeit von nur achtzehn Monaten errichtet und zu einer Hochburg des zeitlosen Müßiggangs gemacht, die 235 klimatisierten Zimmern Platz bietet. Wer wie Vladimir Nabokov vor allem auf Diskretion aus war, dem bot das "Palace" in seiner unveränderlichen Beständigkeit ein vom tagtäglichen Hotelbetrieb dezent separiertes Refugium. Stand dem Schriftsteller der Sinn nach Ruhe oder körperlicher Ertüchtigung, begab er sich entweder in den Salle de Musique oder auf den hauseigenen Tennisplatz. Seine stets schriftlich vorformulierten Interviewantworten, die er, nüchtern in die Fernsehkameras blickend, vom Papier ablas, gab Nabokov mit Vorliebe im Sessel sitzend in der Grand Hall. Genau betrachtet, aber ist der Schöpfer solcher Romane wie "Pnin", "Fahles Feuer", "Das Bastardzeichen" oder "Ada oder Das Verlangen" in der geradezu dörflich anmutenden Enge des Ortes hängengeblieben wie ein Schachbrettfalter, der sich in seinem Fangnetz verheddert hat.

Letzte Bleibe Nabokovs

Die nicht eben großen Zimmer in der sechsten Etage des "Palace", zunächst als vorübergehende Unterkunft gemietet, von welcher aus das Paar in aller Ruhe nach einem festen Wohnsitz in der näheren Umgebung Ausschau hielt, wurden schließlich zur letzten Bleibe Nabokovs - und zu einer Plattform für Reminiszenzen an seine Jugend im aristokratischen St. Petersburg, die so strahlend für ihn begann und mit der Revolution jäh zu Ende ging. Ein Ort für Beschwörungen längst vergangener Zeiten und Träume, kurzum: das Gefühls- und Gedankenreich, in dem Romane wie "Fahles Feuer", "Ada oder das Verlangen" oder seine literarischen Erinnerungen der Jahre 1903 bis 1940, der Band "Erinnerung, sprich" entsprangen - im Stehen niedergeschrieben auf linierten Karteikarten aus Bristol-Papier.

In ihrem gesteigerten Verlangen nach Anonymität und Diskretion hatten die Nabokovs nach ruhelosen Jahren in Berlin, Paris und Amerika in Montreux einen Platz gefunden, der ihnen sowohl die Nähe zu ihrem einzigen Sohn Dmitri bot als auch jenes Umfeld verhieß, das Beschaulichkeit und Kontinuität versprach. Und sofort war der Dichter von den Gegensätzlichkeiten, welche die Region zu bieten hat, gefangen: hier die alpine Grandezza Montreuxs und die Lieblichkeit der Schweizer Riviera, dort die Herausforderungen, die sich dem passionierten Lepidepterologen Nabokov auf stundenlangen Jagden stellten.

Aus der Suite Nabokov wurde ein Apartment

Im Oktober 1961 bezog das Ehepaar eine möblierte Suite im sechsten Stockwerk des "Montreux Palace". Heute erinnern nur noch Horst Tappes berühmte Schwarzweißfotografien des Dichters an den Wänden des Flurs im sechsten Stockwerk daran, wer die dahinterliegenden Räume einmal bewohnte. Infolge eines notwendig gewordenen Umbaus hat man die sogenannte "Suite Nabokov" in ein Apartment verwandelt. Nur die Stehlampe mit dem charakteristisch gewundenen Holzfuß steht noch an ihrem alten Platz. Doch man kann sich leicht vorstellen, wie der Dichter einst ruhelos durch diese Räume geschritten sein muß, auf der Jagd nach der zündenden Idee wie nach einem schwarzen Apollofalter.

"Der schwarze Schwan vom Genfer See", wie ihn die Einheimischen während seiner Jahre in Montreux nannten, verfaßte nicht nur fünf Romane an den Ufern des Sees, sondern auch große Teile seiner Autobiographie; ruhelos um die Themen Täuschung und Bezauberung kreisende Werke. Und so beginnt sein Lebensrückblick "Erinnerung, sprich" mit den Worten: "Die Wiege schwingt über einem Abgrund, und der Verstand sagt uns, daß unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist." Doch weil der Verstand das eine ist, Gefühle aber etwas anderes, wird es Antonio, den Barmann aus dem "Palace", auch weiterhin regelmäßig auf den Friedhof von Clarens und an das Grab des Dichters ziehen, zu seinen Freunden.

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