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: Mit der Bahn ins Himmelbett

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Grandhotel und Eisenbahn sind zwei Einrichtungen, deren glanzvolle Symbiose vor etwa hundertfünfzig Jahren begann, ihren Höhepunkt nach einem halben Jahrhundert erreicht hat und die wenige Jahre später in den Trümmern des Ersten Weltkriegs versank. Während die Eisenbahn überlebte, ohne jedoch die ...

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          Grandhotel und Eisenbahn sind zwei Einrichtungen, deren glanzvolle Symbiose vor etwa hundertfünfzig Jahren begann, ihren Höhepunkt nach einem halben Jahrhundert erreicht hat und die wenige Jahre später in den Trümmern des Ersten Weltkriegs versank. Während die Eisenbahn überlebte, ohne jedoch die noble Eleganz ihrer Frühzeit zurückgewinnen zu können, brach das Fundament, auf dem sich die Hotelpaläste für alle Ewigkeit eingerichtet zu haben schienen, gründlich zusammen. Es gab nicht mehr die Klientel, die es stützte, die gekrönten Häupter mit ihrer umfangreichen Entourage, den hohen und niederen Adel, die großbürgerliche Welt der reichen Nichtstuer und der millionenschweren Bankiers. In den Alpenländern Österreich, Schweiz und Norditalien sind noch viele architektonische Relikte aus der Zeit des Feudaltourismus zu sehen, teils verfallen und leer, teils zu minderen Zwecken wie Erholungsheimen deklassiert. Die noblen Herbergen aber, die beide Weltkriege überlebt haben, verschlingen Millionen, um die große Tradition aufrechterhalten zu können, oder kämpfen mit immer pompöseren Wellness-Bereichen ums nackte Überleben. Der opulente Band "Die Südbahn" dokumentiert eines der aufregendsten Kapitel im aufkommenden Feudaltourismus, das erstaunlicherweise in der angeblich so verschlafenen k. u. k. Donaumonarchie geschrieben wurde: die grandiosen Pionierleistungen bei der Planung, dem Bau und dem Betrieb der "Südbahn"-Linie mit ihren Kurorten und Hotels. Im Zentrum der Darstellung steht naturgemäß die Überwindung des Semmering-Passes mit der gleichzeitigen Errichtung der Semmering-Hotels, insbesondere des Grand Hotel Panhans, des Grand Hotel Erzherzog Johann und des Grand Hotel Südbahn. Die unternehmerisch sehr aktive "Südbahngesellschaft" in Wien hatte aber nicht nur die technisch außerordentlich schwierige Bahnlinie Wien-Triest gebaut, sondern ihre Aktivitäten bis zu den Dolomiten und an den Gardasee ausgedehnt. In historischen Aufnahmen ist ein faszinierendes Kapitel der Architekturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts festgehalten, eine Fundgrube für Nostalgiker des Habsburger-Mythos. Im abschließenden Kapitel beschäftigt sich die Autorin, deren gründliche Arbeit man rühmen muss, mit der Zukunft der erhaltenen Substanz und untersucht neue Wege zur zeitgemäßen touristischen Nutzung der Kulturlandschaft an der Semmeringbahn, die 1998 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden ist. Dabei lenkt sie die Aufmerksamkeit auch auf das ebenfalls vom Südbahnkonzern errichtete Grand Hotel Toblach in den Südtiroler Dolomiten (seit 1919 Italien), dessen geglückte Renovierung nach langem Dornröschenschlaf als internationales Paradebeispiel für die zeitgerechte Nutzung kostbarer historischer Hotelbausubstanz angesehen werden kann.

          H.E.R.

          "Die Südbahn - Ihre Kurorte und Hotels" von Desirée Vasco-Juhasz. Erschienen in der Reihe: Semmering Architektur. Böhlau Verlag, Wien 2006. 413 Seiten, 390 Abbildungen. Gebunden, 59 Euro. ISBN 3-205-77404-3.

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