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: Machtanspruch per Pflasterstein

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Kein Besucher Roms kann sich ihrer Faszination entziehen. Jeder, der aus der Porta Sebastiano hinaustritt, will unwillkürlich weitergehen. Wie ein Versprechen auf Ferne und nie gesehene Landschaften lockt ihr abgetretenes, mehr als zweitausend Jahre altes Pflaster: die Via Appia, die antike Straße, die von Rom über Benevent und Capua bis ans Adriatische Meer nach Brindisi führte.

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          Kein Besucher Roms kann sich ihrer Faszination entziehen. Jeder, der aus der Porta Sebastiano hinaustritt, will unwillkürlich weitergehen. Wie ein Versprechen auf Ferne und nie gesehene Landschaften lockt ihr abgetretenes, mehr als zweitausend Jahre altes Pflaster: die Via Appia, die antike Straße, die von Rom über Benevent und Capua bis ans Adriatische Meer nach Brindisi führte. Was macht das Besondere dieser "Königin der Straßen" aus? Sie war, begonnen von Appius Claudius Caecus 312 vor Christus, die erste, mit der Rom seinen Machtanspruch per Logistik durchsetzte und sich Süditalien unterwarf. Die sauber verfugten Steine, der frostsichere Unterbau hielten jeder Belastung durch Transporte stand. Allwettertauglich erlaubte sie das Marschieren der römischen Legionen auch in der schlechten Jahreszeit, ließ Kuriere und Waren schneller ihr Ziel erreichen. Roms Straßen waren die Eisenbahnen der Antike und doch gleichzeitig mehr als bloße Infrastruktur. In ihrer Straßenführung, den kühnen Brücken und ihren exakt gesetzten zwei Meter hohen Meilensteinen bezeugten sie den Sieg des Reichs über die Natur, demonstrierten damit einen Anspruch auf Herrschaft, der sich unmittelbar aus der ingenieurtechnischen Leistung ableitete. An solchen Bauwerken wollte man gerne begraben sein. Rechts und links der Via Appia stehen die Grabmäler der römischen Elite, Aufmerksamkeit und Bewunderung von den Reisenden fordernd, mitunter sogar Rastplätze und Schutz vor Sonne und Regen bietend. Nie zuvor und nie wieder danach wurde die Überlandstraße zum prachtvollen Friedhof und zum steingewordenen Schauplatz der Eitelkeiten. Die drei Autorinnen des Bildbands "Via Appia", zwei Archäologinnen und eine Historikerin, verfolgen die Straße akribisch auf ihrem fünfhundert Kilometer langen Lauf. Manchmal wird es des Guten zuviel, und der von allzu vielen Details erschöpfte Leser labt sich an den Bildern oder möchte gleich zu den Sandalen greifen. Vierzehn Tage zu Fuß brauchte der Dichter Horaz vom Tiber bis zu den Riesensäulen, die am Hafen von Brindisi das Ende der Strecke markierten. Sein Reisegefühl ist heute nur noch auf Teilstücken nacherlebbar. Längst hat das Auto über den Wanderer triumphiert.

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          "Via Appia. Entlang der bedeutendsten Straße der Antike" von Ivana Della Portella, Giuseppina Sartorio und Francesca Ventre. Theiss Verlag, Stuttgart 2003, 240 Seiten, 220 Abbildungen. Gebunden, 34,90 Euro (bis 31. 1. 2004), danach 39,90 Euro. ISBN 3 8062 1820 X.

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