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: Lücken gibt es überall

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Ingeborg Bachmann war nur einmal kurz in Leipzig gewesen, 1960. "Leipzig soll nie eine schöne Stadt gewesen (sein)", schrieb sie. "Veraltet" und "melancholisch" kam ihr alles vor, eine Stadt mit "Provinzzauber von einst". Da ist etwas dran. Das Café Felsche mit seinem Balkon zum Augustusplatz hin - im Krieg zerstört.

          Ingeborg Bachmann war nur einmal kurz in Leipzig gewesen, 1960. "Leipzig soll nie eine schöne Stadt gewesen (sein)", schrieb sie. "Veraltet" und "melancholisch" kam ihr alles vor, eine Stadt mit "Provinzzauber von einst". Da ist etwas dran. Das Café Felsche mit seinem Balkon zum Augustusplatz hin - im Krieg zerstört. Das Atelier des Malers und Bildhauers Max Klinger, von dem jetzt wieder viel gesprochen wird - ebenfalls im Krieg zerstört. Kriegsbedingte Lücken gibt es ebenso in jenem Viertel, das einst den Namen Leipzigs als Buchstadt begründete. Auch im "Musikviertel", wo freilich auch das Deutsche Literaturinstitut und die Hochschule für Grafik und Buchkunst zu finden sind. Seit dem Ende der DDR hat Leipzig viel von seinem alten sächsischen Glanz zurückbekommen. Im alten Reichsgericht etwa hat heute das Bundesverwaltungsgericht seinen Platz. Das Museum für Bildende Künste auf dem Sachsenplatz ist ein spektakulärer Neubau. An der Stelle des alten Buchhändlerhauses, einst Sitz des Börsenvereins der deutschen Buchhändler, gibt es zwar wieder ein Haus des Buches, aber das ist heute eher eine Art Bürogemeinschaft. Der Geist von einst, erst recht die Geschäfte von früher sind nicht mehr zurückzuholen. Vor ein paar Jahren sah das auch der Reclam-Verlag so und schloss seinen Leipziger Ableger. Dabei war der Verlag einst neben vielen anderen in Leipzig gegründet worden. So sind die zehn Spaziergänge, auf die Werner Marx seine Leser mitnimmt, vor allem Reisen in die Vergangenheit. Bei Marx erfährt man mehr, als man sieht. Ein hübsches Kästner-Gedicht etwa: "Du meine neunte Sinfonie! / wenn du das Hemd anhast mit den rosa Streifen . . . / Komm wie ein Cello zwischen meine Knie, / Und lass mich zart in deine Saiten greifen!" Oder Anekdoten wie über den Langschläfer Franz Werfel, der von seiner Haushälterin geweckt worden sein soll mit dem Ausruf: "Herr Werfel, aufstehen! Der Herr Hasenclever hat schon'n halben Akt fertch." Von der ersten Begegnung zwischen Bildhauer Klinger und seiner späteren Geliebten Elsa Asenijeff erzählt er, als wäre er dabei gewesen. Das Buch, in dem Marx seine "Literarischen Spaziergänge" von 2001 erweitert, ist so fesselnd, dass man eigentlich gar nicht aufbrechen möchte. Hervorzuheben ist die Sorgfalt, die hier waltete. Nicht zuletzt im Anhang, wo das Namensverzeichnis jeweils auch die Lebensdaten der Genannten erwähnt.

          F.P.

          "Leipzig. Ein Reisebegleiter" von Werner Marx und Margit Emmrich (Fotos). Insel Verlag, Frankfurt 2007. 220 Seiten, Farbfotos, zehn Stadtplanausschnitte. Broschiert, 10 Euro.

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