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Literatur : Wenn des Nachbarn Haus brennt

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Festung Europa: Ceuta
          3 Min.

          Es ist nicht weit von Accra nach Algeciras. Um von der Hauptstadt Ghanas in den kleinen spanischen Küstenort zu gelangen, fliegt man zum Beispiel mit KLM nach Amsterdam. Von dort mit Air Berlin nach Jerez de la Frontera, dann geht es über die Autobahn nach Algeciras. Eine Tagesreise. John Ampan brauchte für diese 3500 Kilometer Luftlinie fast fünf Jahre.

          Ein Anruf in Spanien. Seit einem Jahrzehnt lebt John Ampan in Algeciras. Dort hat er eine Frau, einen Sohn, ein Leben. Er spricht Spanisch, Englisch, Französisch. „Ich werde nie ein Europäer“, sagt Ampan am Telefon. „Dabei war es das, was ich immer wollte.“ Er verließ seine Familie in Ghana, um in Europa Geld zu verdienen. Er konnte nicht in ein KLM-Flugzeug steigen, weil er kein Visum hatte. Er reiste nicht, er flüchtete. Auf dem Landweg. Unterwegs kam er ins Gefängnis, später verdurstete er fast. Aber er schaffte es.

          Sein Sohn in Accra will ihm folgen. John Ampan fleht ihn an, in Afrika zu bleiben. „Das ist unsere Heimat.“ Lieber das Geld statt in eine gefährliche Odyssee in eine Zukunft in Ghana investieren - das ist heute seine Botschaft. „Europa lohnt sich nicht.“ Die Arbeitslosigkeit, die sinkenden Löhne. Gastarbeiter, die früher jeden Monat ein paar hundert Euro nach Afrika schicken konnten, kämen heute selbst kaum über die Runden.

          Geschichten von Armut und Hoffnung

          Ein paar Tage lang war John Ampan jetzt in Deutschland, hat die Frankfurter Buchmesse besucht, gab Interviews, saß auf Podien. Machte Werbung für ein Buch, dessen Sprache er nicht versteht. „Der Traum vom Leben“ heißt es. Es ist die Geschichte der Reise von John Ampan. Und die Geschichte der Flüchtlinge Afrikas. Der Reporter Klaus Brinkbäumer hat sie aufgeschrieben. „Ich sehne mich nach der englischen Übersetzung“, sagt Ampan. Für das Buch flogen Brinkbäumer und Ampan nach Afrika. So sah Ampan seine Familie wieder, das erste Mal nach 14 Jahren. Dann ging er wieder, um mit Brinkbäumer und dem Fotografen Markus Matzel die Route seiner Flucht noch einmal abzufahren. Die Route, auf denen Tausende unterwegs sind.

          Brinkbäumer und Matzel berichteten bei der Erntedankfeier der Evangelischen Schloßkirchengemeinde in Offenbach von ihrer Reise mit John Ampan. Erste Station: Lagos. Auf seiner Flucht kam Ampan dort unschuldig ins Gefängnis. Im Knast lernte er Bob Izoua kennen, der ihn beschützte. Er ist im Ölgeschäft tätig, könnte man sagen. Er zapft Pipelines an, sagen Gerüchte. Er ließ Menschen verschwinden, sagen andere Gerüchte. Auf jeden Fall wurde Izoua sehr schnell sehr reich. 250 Häuser und 80 Autos gehören ihm. „Würde er nur ein Auto verkaufen, könnte er Schulen bauen, alle Straßen der Stadt reparieren, dieser Mann könnte die ganze Stadt retten“, schreibt Brinkbäumer. Der Reporter fragt den Mann, ob die Gerüchte stimmen, und der sagt, daß er doch nur hart arbeite. Und dann lädt er ein zu einer Runde Billard. Nach ein paar Minuten hat Brinkbäumer fünf Kugeln versenkt und Izoua keine. „Nicht demütigen“, flüstert jemand. Brinkbäumer verliert dann irgendwie. Das ist besser so.

          Die Reise führt in den Norden Nigerias, nach Niger, nach Algerien. Damals fuhr Ampan auf den Ladeflächen von Pick-ups, eingequetscht zwischen Mitfahrern. Als die Fahrer nach einer Panne in der Wüste die Flüchtlinge ihrem Schicksal überlassen, verdurstete Ampan fast. „Wir waren 80 Männer.“ 50 von ihnen haben damals die Wüste nicht überlebt, glaubt Ampan. Auch die Fahrt mit den Journalisten war nicht ungefährlich. Auf den Straßen von Lagos, in den Bergen von Algerien gab es lebensbedrohliche Momente. Es sind Momente, aus denen ein Autor eine Heldengeschichte stricken könnte. Brinkbäumer aber schildert diese Passagen kurz, lakonisch, abwiegelnd. Wenn er gefragt wird, erzählt er mehr. Von seiner Angst. Vom Glück, das sie hatten. Und dann bittet er, das nicht an die große Glocke zu hängen. Es ist ja nicht die Geschichte seiner Reise, sondern die Geschichte von John Ampan und Tausenden, die keine Fahrer haben, keine Kreditkarten. Und kein Glück. Die gar nichts haben - außer den Sachen am Leib und die Hoffnung auf Europa.

          Eine Chance für jeden

          „Der Traum vom Leben“ verknüpft das Leben von John Ampan mit dem Schicksal Tausender Migranten, der Geschichte des Schwarzen Kontinents und der Politik Europas. Flüchtlinge, die in Urlaubsparadiesen an Land gespült werden. EU-Innenminister, die die Grenzen abschotten, neue Nachtsichtgeräte kaufen, das Mittelmeer bewachen lassen. „Wenn dein Nachbar aus seinem brennenden Haus rennt, dann schließt du nicht deine Tür ab“, sagt John Ampan. „Du hilfst, das Feuer zu löschen.“

          John Ampan hat einen Cousin, der Fußballer ist. Samuel Kuffour schoß das Tor beim 1:0-Sieg des FC Bayern im Weltpokalfinale gegen Boca Juniors. Heute spielt er in Italien. Ampan hat seinen Vetter nie um Unterstützung gebeten. „Ich möchte ihn ungern belasten“, sagt er. Geschenke will er gar nicht. Nicht von Sammy Kuffour und nicht von Europa. Aber eine Chance für jeden, die fordert er. Sein Sohn Glenn hatte so eine Chance. Glenn spielt auch Fußball. Bei Harbor City, im zentralen Mittelfeld. In Hamburg sollte er ein Probetraining machen, beim FC St. Pauli. Alle Voraussetzungen für ein Visum waren erfüllt: Flugticket, eine Einladung, Ausweis - alles da. Nur die deutsche Botschaft stellte sich quer. Der Vater sei schließlich auch illegal in die EU eingereist. Für Glenn war das eine Chance, die vielleicht nie wiederkommt.

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