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: Liniennetz und bunter Traum

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In Zeiten von satellitengestützten Navigationssystemen ist gar nicht mehr so leicht vorstellbar, welchen Schatz Land- und Seekarten einmal darstellten. Einen Schatz an mühevoll erworbenen Kenntnissen einer bis dahin unbekannten Welt mit vielen Gefahren, aber auch ein Schatz an Vorstellungen, Phantasien und merkantilen Gelüsten.

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          In Zeiten von satellitengestützten Navigationssystemen ist gar nicht mehr so leicht vorstellbar, welchen Schatz Land- und Seekarten einmal darstellten. Einen Schatz an mühevoll erworbenen Kenntnissen einer bis dahin unbekannten Welt mit vielen Gefahren, aber auch ein Schatz an Vorstellungen, Phantasien und merkantilen Gelüsten. In die Kartographie zeichnen sich wohl bis heute ungewollt "mental maps" ein, also feste Vorstellungsbilder von der Welt, wie der Kartograph oder Illustrator und die Gesellschaft, in der er lebt, sie sich wünschen und machen.

          So sind, um nur ein Beispiel zu nennen, in der arabischen Tradition die Karten stets nach Süden ausgerichtet. Auch die Weltkarte, die der damals noch ganz junge marokkanische Kartograph Ash-Sharif al-Idrisi um 1150 in Palermo am Hof Rogers II., König von Sizilien, anfertigte ist nach Süden ausgerichtet. Sie zeichnet sich durch einen hohen Grad an Abstraktion aus, es werden keine Tiere, Menschen oder Städte vor Augen gehalten, auch Flora und Fauna fehlen.

          Die Karte verbindet arabische und europäische Einflüsse: Sie ist sozusagen ein auf den Kopf gestelltes Nachbild von Ptolemäus und seinen mittelalterlichen Nachfahren, kombiniert mit dem ornamentalen Purismus der arabischen Welt. Die Karte zeigt die höchste Abstraktionsstufe, die Zusammenfassung einer in siebzig Sektionen aufgeteilten Karte, die Rogers Wunsch nach einem großen und großartigen Kartenwerk entgegenkam. Die Welt wurde so auf ganz neue Weise lesbar, und diese "Lesbarkeit der Welt", der der Philosoph Hans Blumenberg ein großes Werk widmete, hatte viel mit Weltbeherrschung, aber auch mit neuen und alten Kommunikationswegen zu tun. Die Kartographie war in diesem Feld stets ein Spiel zwischen erfaßter Wirklichkeit und losgelassenem Traum. Nichts verdeutlicht das anschaulicher als die Karten aus der Zeit der europäischen Entdeckungen, die im Zusammenhang mit den Handelswegen nach Indien und China entstanden sind.

          Die eine Variante dieser Handelsrouten war der Landweg: die im neunzehnten Jahrhundert romantisch verklärte Seidenstraße. Erhöht als märchenhafte Synthese von Orient und Okzident, wurde diese Handelsverbindung erst, als sie ihre ökonomische Funktion längst verloren hatte. Die Seidenstraße war tatsächlich nicht eine Route, es waren mehrere Karawanenwege. Der deutsche Geograph Ferdinand Freiherr von Richthofen verwandte in seinem großen Werk über China denn auch noch den Plural und sprach von den Seidenstraßen.

          Der Impuls für die Verbindung von China über Zentralasien nach Europa ging indessen zunächst nicht von Europa aus, sondern von China. Um 150 vor Christus hatte ein chinesischer Entdecker im Auftrag des Herrschers Wudi aus der Han-Dynastie die bis dahin unbekannten Gebiete westlich von China erkundet, jenes Gebiet, das heute Zentralasien heißt. Dank dieser Erkundungen wurden nun zwei Handelswege miteinander verknüpft, die bis dahin unverbunden waren. Der erste war im Gefolge der Feldzüge Alexanders des Großen erschlossen worden und führte vom Mittelmeer nach Zentralasien - dieses Gebiet ließen in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Briten durch indische Kaufleute in geheimem Auftrag kartographieren. Die wissenschaftliche Kartographie setzte etwa dreißig Jahre später mit dem britischen Archäologen Sir Marc Aurel Stein und dem schwedischen Reisenden Sven Hedin ein.

          Der andere Handelsweg führte vom chinesischen Kernland bis an die Westgrenze Chinas. Auf ihm wurden schon im Altertum Gewürze, wertvolle Stoffe und Edelsteine transportiert. Die früheste heute bekannte kartographische Illustration der Seidenstraße zeigt eine Karawane, die die Wüste von Turkistan durchquert, Kaufleute zu Pferd, die Waren auf dem Rücken der Kamele. Gezeichnet wurde die Karte von Cresques Abraham, der im Jahr 1375 diese Illustration als Teil seines sogenannten Katalanischen Atlas im Auftrag des Königs von Aragón herstellte. Sie fußte auf den Berichten Marco Polos und besaß in der Kartographie eine Brückenfunktion, die zwischen der theologischen Kartographie des Mittelalters und der Erfahrungskartographie der beginnenden Neuzeit vermittelte. Die frühe Mythenbildung um die Seidenstraße belegt die Darstellung eines sagenumwobenen christlichen Priesterönigs, den man am Ende in Äthiopien suchte, bis man dieses Unterfangen aufgab.

          Stadt, Land, Fluß schließlich zeigt eine Karte, die der Niederländer Frans Hogenberg 1572 gemeinsam mit dem Kölner Gelehrten Georg Braun anfertigte. Das Gesamtwerk von 363 Stichen in sechs Foliobänden trägt den Titel "Civitates Orbis Terrarum", "Städte der Welt". Die oben abgebildete Karte zeigt die portugiesischen Überseehäfen Calicut, Hormus, Cannore und die Festung Elmina im heutigen Ghana. Das illustrierte Kartenwerk ist ein herausragendes Beispiel für den farbenprächtigen flämischen Stil der Kartographie. Es war eine Art bunt gemalte Besitzstandsanzeige und zugleich die Ausweitung und radikale Veränderung der eigenen Welt und ihres Horizonts.

          "Mapping the Silk Road and Beyond". 2000 Years of Exploring the East. Von Kenneth Nebenzahl. Phaidon Press, London 2004. 176 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 96 Pfund. ISBN 0-7148-4409-8

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