https://www.faz.net/-gqz-16ui3

: Liebe und Zorn

  • Aktualisiert am

Der Rhein-Sieg-Kreis in Nordrhein-Westfalen ist nächst dem Kreis Recklinghausen der zweitgrößte Kreis in Deutschland, der viele Denkmäler rheinischer Geschichte und etliche Schlafstädte ungefragt zusammenfasst. Zu seinen Plagen gehören die unübersichtliche räumliche Differenzierung rechts wie links ...

          1 Min.

          Der Rhein-Sieg-Kreis in Nordrhein-Westfalen ist nächst dem Kreis Recklinghausen der zweitgrößte Kreis in Deutschland, der viele Denkmäler rheinischer Geschichte und etliche Schlafstädte ungefragt zusammenfasst. Zu seinen Plagen gehören die unübersichtliche räumliche Differenzierung rechts wie links des Rheins, der Bindestrich im Namen und das Autokennzeichen "SU", das in den stolzen Nachbarstädten Bonn und Köln nur missgünstig gelesen wird als "Sau unterwegs". Zu seiner Vierzig-Jahr-Feier, die eigentlich eine der deutschen demokratischen Bürokratie hätte sein müssen, ist eine weitere hinzugekommen: ein Bildband über ebendiesen Kreis. Vier Fotografen haben in Bild und teils auch im eigenen Wort dem regionalen Kunstgebilde nachgespürt, und nur einer von ihnen, Axel Thünker, wollte offenbar eine Ahnung von den landschaftlichen Schönheiten und kulturellen Reichtümern der Gegend vermitteln. Noch den Drachenfels mit eingerüsteter Ruine feiert er in einem fotografierten Landschaftsgemälde. Die übrigen, in seiner Radikalität allen voran Stefan Worring mit endemischen Eisenbahntrassen, betonierten Straßenstelzen sowie den Lärmschutzwänden längs der A 3, dämpfen die Lichtbildnerei. Nicht einmal das weithin sichtbare Kirchlein der Siegburger Benediktinerabtei auf dem Michaelsberg, das sogar von der Autobahn aus anheimelnd wirkt, darf sich hier frei entfalten. Es ist im Bild von Leitplanken und öden Glasfassaden zugestellt. Dass gleich zwei große Universitäten in der Nähe liegen, bedeutende Museen, die Beethovenhalle und eine gefeierte Philharmonie, sieht man diesem Panorama trister Provinzialität und piefiger Behaglichkeit nicht an. Was bleibt, ist der Mensch - meist in seiner Freizeit angetroffen, oft ins Brauchtum eingebunden, und auch da, zumindest auf den Fotos, lange nicht im einundzwanzigsten Jahrhundert angelangt. Nur in den knappen Texten scheint eine Ahnung dessen auf, warum es sich hier gut leben lässt.

          mbe

          "Mitten im Westen. Eine Entdeckungsreise durch den Rhein-Sieg-Kreis", herausgegeben vom Landrat des Rhein-Sieg-Kreises. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 159 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden. 19,95 Euro.

          Weitere Themen

          Frau Pilcher würde sagen, prima!

          FAZ Plus Artikel: ZDF-Filme : Frau Pilcher würde sagen, prima!

          Eine lesbische Hochzeit in der altgedienten Cornwall-Romanzenreihe? Produzent Michael Smeaton im Gespräch über die behutsame Modernisierung von Rosamunde Pilchers Stoffen und ihre Ähnlichkeit mit Schokoriegeln.

          Topmeldungen

          Fangverbot an der Ostsee : Der junge Fischer und die großen Sorgen

          In der westlichen Ostsee dürfen Fischer bald fast keine Dorsche und Heringe mehr fangen. Nicht wenige sagen: Die dortigen Betriebe stehen vor dem Aus. Peter Dietze will sich seinem Schicksal nicht ergeben – er schippert Touristen und bietet Seebestattungen an.
          20 Mark im Jahr 1871

          150 Jahre Deutsche Mark : Der Glanz des Goldes

          Vor 150 Jahren entstand mit der Einführung der Mark die erste deutsche Währungsunion. Ihre wechselvolle Geschichte zeigt, dass sich auch die stabilste Währung ruinieren lässt.

          RTL ändert Programm : Trauer um Comedian Mirco Nontschew

          Der Fernsehsender RTL werde eine Sondersendung über den verstorbenen Comedian ausstrahlen. Weggefährte wie Otto trauern um Nontschew – ein Video zeigt seine Anfänge im Fernsehen.
          Die Nürnberger Notfallsanitäterin Paloma Palm von Alten Blaskowitz  und Kollege Christian Brandmann in Corona-Schutzanzügen

          Rettungssanitäter und Corona : Wenn aus Minuten Stunden werden

          Notfallsanitäter müssen Leben retten. In der vierten Corona-Welle kann das auch heißen, mit überfüllten Kliniken um das letzte freie Bett zu feilschen. Das wird immer schwieriger. Ein Ortsbesuch in Nürnberg.