https://www.faz.net/-gqz-16ugv

: Leichter Nebel über der Stadt

  • Aktualisiert am

Der hundertsiebzigste Band der Reihe Salto, "Lissabon. Eine literarische Einladung", im hochformatigen roten Leinen, fadengeheftet und mit aufgeklebtem Bildchen auf dem Deckel macht dem Motto dieser Serie "Neuer Wein in alte Schläuche" alle Ehre. In einem literarischen Streifzug durch das zwanzigste Jahrhundert ...

          Der hundertsiebzigste Band der Reihe Salto, "Lissabon. Eine literarische Einladung", im hochformatigen roten Leinen, fadengeheftet und mit aufgeklebtem Bildchen auf dem Deckel macht dem Motto dieser Serie "Neuer Wein in alte Schläuche" alle Ehre. In einem literarischen Streifzug durch das zwanzigste Jahrhundert vermittelt die Herausgeberin ein neues Bild von der Stadt am Tejo. Da ist nicht mehr die Rede von der Metropole im gleißenden Licht unter stahlblauem Himmel. Kein Geringerer als Fernando Pessoa, der bedeutendste Dichter der portugiesischen Moderne, lässt vielmehr gleich am Anfang die Stadt schlaftrunken "im leichten Nebel des Vorfrühlingsmorgens" erwachen. Pessoa gibt den Ton an für die siebenundzwanzig kurzen Texte, überwiegend von jungen portugiesischen Schriftstellern: stille Heiterkeit, leichtes Frösteln im sanftem Wind und die Gewissheit des nahenden Sommers. Fernando Pessoa ist es auch, der am Ende mit einem Gedicht summarisch das Wesentliche nennt: "Es bleibt nur, ohne mich, der ich vergessen habe, da ich schlafe, Lissabon mit seinen Häusern, ihrer Farbenvielfalt." Es ist erstaunlich, welche reichhaltige perspektivische Fülle diese einzigartige Stadt dem Betrachter bietet. Da beschreibt António Alçada Baptista, der eine persönliche Beziehung zu dem Kiosk auf der Praça do Principe Real hat, wie und warum sich Lissabon ein menschliches Maß bewahrt. José Saramago vergleicht die Belagerung Lissabons durch die Mauren mit der der Touristen. Natália Correia trauert, weil schon kurz nach der Nelkenrevolution "die Glut des rauschenden Festes erlischt". Während bei Lidia Jorge der Performer Leonardo die Passanten in seinen Bann schlägt, empfindet Al Berto, wie sich "der süßliche Geruch des Todes" hinter den Mauern der Stadt aus dem Nebel löst. Und die jüngste Autorin, Paola d'Agostino, lässt ihren Fadista, nachdem ein Brand ihm die ganze Habe genommen hat, das Lied anstimmen: "Tudo isto existe, tudo isto é triste, tudo isto é fado - all das gibt es, all das ist traurig, all das ist Fado." Bei so viel schönen Texten, von denen die Hälfte von der Herausgeberin zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden sind, hätte man ohne Schaden auf die bekannten Texte von Walter Benjamin ("Erdbeben in Lissabon") und Erich Maria Remarque ("Die Nacht von Lissabon") verzichten können.

          A.W.

          "Lissabon. Eine literarische Einladung" herausgegeben von Gaby Wurster. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010. 144 Seiten, gebunden, 15,90 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          In einem Gedenkgottesdienst nehmen Angehörige, Freunde und Nachbarn Abschied von dem achtjährigen Jungen

          Nach Frankfurter Gewaltat : Abschied von getötetem Achtjährigen

          Nach der grausamen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof haben Angehörige, Freunde und Nachbarn in einem Gedenkgottesdienst Abschied von dem getöteten Jungen genommen. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war anwesend.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.