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: Langsame Heimkehr

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Die Figuren seiner Filme, sagt der Regisseur Wim Wenders, interessierten ihn erst an zweiter Stelle, wenn er beginnt, ein Drehbuch zu schreiben. Als Erstes brauche er den Ort, an dem sie leben - oder die Orte, an denen sie während ihrer Reisen für einen Moment Station machen. Wenn man seine Fotografien betrachtet, ...

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          Die Figuren seiner Filme, sagt der Regisseur Wim Wenders, interessierten ihn erst an zweiter Stelle, wenn er beginnt, ein Drehbuch zu schreiben. Als Erstes brauche er den Ort, an dem sie leben - oder die Orte, an denen sie während ihrer Reisen für einen Moment Station machen. Wenn man seine Fotografien betrachtet, kommt man deshalb nicht umhin, sie als Dreh- und Angelpunkte einer Geschichte zu verstehen, fast so, als sehe Wenders überall auf der Welt Kulissen für den Fortgang einer Handlung. Nicht selten schiebt sich ein Autowrack, ein Dinosaurier oder ein Riesenrad ins Bild, gerade so, als wollten diese Dinge sich für eine Rolle im Film andienen. Menschen hingegen sieht man, folgerichtig, eher selten. Sie sollen ja erst allmählich aus der Umgebung erwachsen. So wie jener Cowboy, der auf dem Plakat zum Wenders-Film "Don't Come Knocking" lässig an dem schief gefahrenen Mast einer Straßenlaterne in Butte, Montana, lehnt.

          "Places, strange and quiet" heißt ein Fotobüchlein, für das Wim Wenders nun eine kleine Auswahl seiner Reisefotos zusammengetragen hat. Der Dinosaurier aus "Paris, Texas", aufgenommen an einer Tankstelle in der kalifornischen Wüste, eröffnet den Band, dann schon folgt die Straßenkreuzung in Butte - nur eben ohne den Cowboy.

          Es ist ein bezauberndes Bild mit heiterem Licht, tristen Fassaden und der Melancholie eines Gemäldes von Edward Hopper. Wenders hat es während einer Reise im Jahr 2000 aufgenommen. "Don't Come Knocking" drehte er erst etliche Jahre später. Aber man glaubt zu verstehen, weshalb ihn die Aufnahme nicht mehr losgelassen hat. Denn unübersehbar birgt diese Kreuzung in ihrer fast hörbaren Stille ein Geheimnis. Glaubt man freilich Wim Wenders, dann dichtet er seine Geschichten keineswegs um derlei Motive herum. Es ist umgekehrt. "Der Ort wollte mit Macht ein Film werden, und ich wusste von der ersten Sekunde an, dass ich die Geschichte dazu mit mir schon herumtrug und sie mir nur hier von der Seele reden konnte", schrieb er über eine andere dieser eigentümlichen Begegnungen. Somit hat das Reisen für ihn letztlich das Ziel, die eigenen Geschichten loszuwerden, sie an ihren Platz zu bringen - und eben nicht unterwegs Erzählungen einzusammeln. Das klingt einmalig und auf sympathische Weise verrückt: Es ist die langsame Heimkehr der Geschichten.

          Wie er solche Orte findet, kann Wim Wenders selbst nicht recht erklären. "Es muss wohl eine Art eingebauter Radar sein", sagt er, "der mich oft in Gegenden führt, die sonderbar ruhig sind oder auf eine ruhige Art sonderbar." Wie sicher ihn dieser Strahl leitet, belegt das kleine Buch. Es ist eine Reise um die Welt von Berlin und Wuppertal über Russland und Australien bis Japan, Kuba und Brasilien. Mal läuft er tief hinein in eine Wüstenei aus Staub und Steinen, mal dringt er ohne Taschenlampe in einen bemalten Tunnel ein. Hier fotografiert er Buchstaben, die als stählerne Figuren verrostet auf Felsbrocken einsam in der Steppe stehen, dort schaut er auf seltsame Pflanzen, die im Mikroklima einer Klimaanlage auf dem Dach eines Wolkenkratzers in São Paulo wachsen. Und immer kommentiert er mit lyrischer Präzision, was das Motiv für ihn bedeutet. Nur einmal muss er passen. "In der Hoffnung auf irgendeine Erklärung habe ich lange gewartet. Doch es kam keine", gesteht er angesichts eines Waschbeckens an einer Waschbetonwand irgendwo in Armenien. Das klingt, als sei es eher unwahrscheinlich, dass sich demnächst eine seiner Figuren hier die Hände waschen wird.

          "Places, strange and quiet" von Wim Wenders. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011. Ohne Paginierung, 37 Farbfotos. Gebunden, 24,80 Euro.

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