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: Künstler machen Späße

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"Vorn die Ostsee und hinten die Friedrichstraße". Kurt Tucholsky wußte, wie es den Berlinern am liebsten wäre. Doch war die Küste schnell zu erreichen. Drei Stunden dauerte in den zwanziger Jahren die Reise aus der Hauptstadt nach Stralsund. So tummelte sich in den Ferien "tout Berlin" in den Ostseebädern zwischen Lübecker Bucht und Usedom.

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          "Vorn die Ostsee und hinten die Friedrichstraße". Kurt Tucholsky wußte, wie es den Berlinern am liebsten wäre. Doch war die Küste schnell zu erreichen. Drei Stunden dauerte in den zwanziger Jahren die Reise aus der Hauptstadt nach Stralsund. So tummelte sich in den Ferien "tout Berlin" in den Ostseebädern zwischen Lübecker Bucht und Usedom. Weil man auch in der Sommerfrische unter sich bleiben wollte, reisten die Künstler vorwiegend nach Bansin, während die Schwerindustriellen in Heringsdorf abstiegen, das Bürgertum ging nach Ahlbeck und das Militär nach Swinemünde. Hiddensee war das Refugium der Individualisten und Libertins, wie Unda Hörner weiß. Das weithin Naturbelassene der noch immer autofreien Insel unterschied sie auch von den mondänen Küstenorten, die mit der Länge ihrer ins Wasser reichenden Holzstege wetteiferten. Hiddensee hingegen hatte nicht einmal eine Strandpromenade, kein Spielcasino, nur Sonne, Sand - und Gerhart Hauptmann. Der Schriftsteller, der dort 1930 ein Haus erwarb, ist der altehrwürdigste Prominente Hiddensees, der Inselkönig, dem es sogar gelang, den Thomas-Mann-Clan zu verscheuchen. "Nun war er aber dermaßen König, daß für uns dort wenig Aufmerksamkeit abfiel", meckerte Katja Mann. In vielen Anekdoten berichtet Unda Hörner über die Späße und Launen berühmter Gäste wie Asta Nielsen, Joachim Ringelnatz, Gottfried Benn, Stefan Zweig oder Paul Klee. Doch mit den Späßen hatte es nach der Machtergreifung Hitlers ein rasches Ende. Während auf Rügen das gigantische "Kraft durch Freude"-Ferienlager Prora errichtet wurde, begann nebenan die Vertreibung aus dem kleinen Paradies. Auch Asta Nielsen verließ ihr Haus, das "Karusel", und kehrte heim nach Kopenhagen, wo sie bis zu ihrem Tod 1972 lebte. Vergessen hat sie Hiddensee nie. In ihren Erinnerungen heißt es: "Möwen werden sehr alt, habe ich gelesen, oft älter als dreißig Jahre, Ob die Möwen in Vitte manchmal an mich denken?"

          S.K.

          "Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub" von Unda Hörner, edition ebersbach, Berlin 2003. 126 Seiten, Abbildungen. Gebunden, 14 Euro. ISBN 3-934703-60-7.     

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