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: Keine Strömung und kein Mond

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Glaubt man den Sinologen, ist der Yangtse ein mythischer Fluss, dessen bezaubernde Landschaften von alters her von den chinesischen Malern und Zeichnern auf Papier getuscht wurden und von den Poeten besungen. "Eine sanfte Brise auf dem Ufergras, / Der hohe Schiffsmast allein in der Nacht. / Sterne fallen ...

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          Glaubt man den Sinologen, ist der Yangtse ein mythischer Fluss, dessen bezaubernde Landschaften von alters her von den chinesischen Malern und Zeichnern auf Papier getuscht wurden und von den Poeten besungen. "Eine sanfte Brise auf dem Ufergras, / Der hohe Schiffsmast allein in der Nacht. / Sterne fallen auf die weiten, flachen Felder, / Der Mond steigt aus der Strömung des großen Flusses auf", schwelgte im achten Jahrhundert Du Fu in einer Art chinesischer Frühromantik. Betrachtet man die Fotografien von Nadav Kander, entsteht ein anderes Bild.

          Fünfmal war der Fotograf am Yangtze unterwegs, von der Mündung bis zur Quelle, sechseinhalbtausend Kilometer von Schanghai bis in die Provinz Qinghai, in der die Anfänge des Flusses in fünftausend Metern Höhe aus einem Gletscher tropfen. Ein Idyll fand er während seiner Reisen nirgendwo; im Gegenteil. "China ist ein Land", schreibt er, "das seine Wurzeln durch die Zerstörung seiner Vergangenheit zu kappen scheint. Zerstörung und Aufbau fanden in einem solchen Ausmaß statt, dass ich mir nicht sicher war, ob das, was ich sah, gerade gebaut oder zerstört, zerstört oder gebaut wurde." Ein Sinnbild für die Situation fand er in den beiden Armen der Chaotianmen-Brücke in Chongping, der längsten Bogenbrücke der Welt, die er noch als Baustelle zeigt und deren beiden Seiten wie Stümpfe in einen rosafarbenen Nebel ragen. Unten am Fluss stehen vier Fischer mit ihren Netzen, klein und verloren wie die Rückenfiguren bei Caspar David Friedrich, und eine Spaziergängerin, die aufs Wasser schaut, eine Schutzmaske über Mund und Nase.

          Es ist eine dreckige, giftige, schreckliche Welt, die Nadev Kander in zarten Tönen, leicht überbelichtet, dokumentiert. Ein Fluss als Giftbrühe. Städte als unüberschaubare Ansammlung einfallsloser Hochhäuser, in denen die Menschen wie in Käfighaltung hausen. Am Yangtze leben mehr Menschen als in den Vereinigten Staaten, jeder achtzehnte Mensch der Welt wohnt an diesem Fluss, siebenundzwanzig Millionen allein in der Stadt Chongqing, der größten am Yangtze. Dass knapp zwei Millionen Menschen wegen des Baus des Drei-Schluchten-Damms und dem sechshundert Kilometer langen Wasserreservoir, das sich in den kommenden Jahren oberhalb der Sperre ausdehnen wird, umgesiedelt wurden, erscheint angesichts dieser Zahlen schon fast wie eine Fußnote.

          "Yangtze - The Long River" ist ein verzauberndes Buch, denn es gelingt Nadav Kander, mit seiner eigenen Ästhetik den oft grausamen Zuständen träumerische Momente abzuringen. Das Picknick unter den riesigen Trägern einer Brücke, ausgebreitet auf Bauschutt und zwischen angespültem Dreck, wird niemand gemütlich nennen wollen, aber das Foto, das Kander von der Familie aufgenommen hat, ist von einem seltsamen Zauber geprägt, als sei es der Phantasie eines surrealistischen Malers entsprungen. Die Wirklichkeit bringt Kander mit seinen knappen, oft lakonischen Bildlegenden zurück: "Hinter mir befand sich ein kleiner Nebenfluss, der Abfall vom nahe gelegenen Stahlwerk mit sich führte. Die Wasseroberfläche blubberte und sprudelte, als sei sie vulkanische Lava."

          Es sind die alltäglichen Momente am Fluss, die Nadav Kander zusammengetragen hat - Momente freilich, die uns ungeheuerlich erscheinen und die auch seinen Dolmetschern und Fahrern nie ganz geheuer waren. Warum sie zuließen, dass er all die hässlichen Dinge fotografiere, wurden seine Begleiter so oft gefragt, dass sie sich zu schämen begannen. "Manchmal fingen sie sogar an zu weinen", schreibt der Fotograf.

          "Yangtze - The Long River" von Nadav Kander. Mit einem Vorwort von Kofi Annan. Text in Englisch und deutsch. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010. Ohne Paginierung, 76 Farbfotografien. Gebunden, 58 Euro.

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