https://www.faz.net/-gqz-6kzwq

: Keine Strömung und kein Mond

  • Aktualisiert am

Glaubt man den Sinologen, ist der Yangtse ein mythischer Fluss, dessen bezaubernde Landschaften von alters her von den chinesischen Malern und Zeichnern auf Papier getuscht wurden und von den Poeten besungen. "Eine sanfte Brise auf dem Ufergras, / Der hohe Schiffsmast allein in der Nacht. / Sterne fallen ...

          2 Min.

          Glaubt man den Sinologen, ist der Yangtse ein mythischer Fluss, dessen bezaubernde Landschaften von alters her von den chinesischen Malern und Zeichnern auf Papier getuscht wurden und von den Poeten besungen. "Eine sanfte Brise auf dem Ufergras, / Der hohe Schiffsmast allein in der Nacht. / Sterne fallen auf die weiten, flachen Felder, / Der Mond steigt aus der Strömung des großen Flusses auf", schwelgte im achten Jahrhundert Du Fu in einer Art chinesischer Frühromantik. Betrachtet man die Fotografien von Nadav Kander, entsteht ein anderes Bild.

          Fünfmal war der Fotograf am Yangtze unterwegs, von der Mündung bis zur Quelle, sechseinhalbtausend Kilometer von Schanghai bis in die Provinz Qinghai, in der die Anfänge des Flusses in fünftausend Metern Höhe aus einem Gletscher tropfen. Ein Idyll fand er während seiner Reisen nirgendwo; im Gegenteil. "China ist ein Land", schreibt er, "das seine Wurzeln durch die Zerstörung seiner Vergangenheit zu kappen scheint. Zerstörung und Aufbau fanden in einem solchen Ausmaß statt, dass ich mir nicht sicher war, ob das, was ich sah, gerade gebaut oder zerstört, zerstört oder gebaut wurde." Ein Sinnbild für die Situation fand er in den beiden Armen der Chaotianmen-Brücke in Chongping, der längsten Bogenbrücke der Welt, die er noch als Baustelle zeigt und deren beiden Seiten wie Stümpfe in einen rosafarbenen Nebel ragen. Unten am Fluss stehen vier Fischer mit ihren Netzen, klein und verloren wie die Rückenfiguren bei Caspar David Friedrich, und eine Spaziergängerin, die aufs Wasser schaut, eine Schutzmaske über Mund und Nase.

          Es ist eine dreckige, giftige, schreckliche Welt, die Nadev Kander in zarten Tönen, leicht überbelichtet, dokumentiert. Ein Fluss als Giftbrühe. Städte als unüberschaubare Ansammlung einfallsloser Hochhäuser, in denen die Menschen wie in Käfighaltung hausen. Am Yangtze leben mehr Menschen als in den Vereinigten Staaten, jeder achtzehnte Mensch der Welt wohnt an diesem Fluss, siebenundzwanzig Millionen allein in der Stadt Chongqing, der größten am Yangtze. Dass knapp zwei Millionen Menschen wegen des Baus des Drei-Schluchten-Damms und dem sechshundert Kilometer langen Wasserreservoir, das sich in den kommenden Jahren oberhalb der Sperre ausdehnen wird, umgesiedelt wurden, erscheint angesichts dieser Zahlen schon fast wie eine Fußnote.

          "Yangtze - The Long River" ist ein verzauberndes Buch, denn es gelingt Nadav Kander, mit seiner eigenen Ästhetik den oft grausamen Zuständen träumerische Momente abzuringen. Das Picknick unter den riesigen Trägern einer Brücke, ausgebreitet auf Bauschutt und zwischen angespültem Dreck, wird niemand gemütlich nennen wollen, aber das Foto, das Kander von der Familie aufgenommen hat, ist von einem seltsamen Zauber geprägt, als sei es der Phantasie eines surrealistischen Malers entsprungen. Die Wirklichkeit bringt Kander mit seinen knappen, oft lakonischen Bildlegenden zurück: "Hinter mir befand sich ein kleiner Nebenfluss, der Abfall vom nahe gelegenen Stahlwerk mit sich führte. Die Wasseroberfläche blubberte und sprudelte, als sei sie vulkanische Lava."

          Es sind die alltäglichen Momente am Fluss, die Nadav Kander zusammengetragen hat - Momente freilich, die uns ungeheuerlich erscheinen und die auch seinen Dolmetschern und Fahrern nie ganz geheuer waren. Warum sie zuließen, dass er all die hässlichen Dinge fotografiere, wurden seine Begleiter so oft gefragt, dass sie sich zu schämen begannen. "Manchmal fingen sie sogar an zu weinen", schreibt der Fotograf.

          "Yangtze - The Long River" von Nadav Kander. Mit einem Vorwort von Kofi Annan. Text in Englisch und deutsch. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010. Ohne Paginierung, 76 Farbfotografien. Gebunden, 58 Euro.

          Weitere Themen

          Unterdrückung und neuer Aufbruch

          Exodus aus Belarus : Unterdrückung und neuer Aufbruch

          Die Nichtverlängerung ihrer Arbeitsverträge sehen Minsker Forscher als Ausdruck politischer Verfolgung. Die entlassenen Historiker gehen deswegen ins Exil nach Polen und Litauen.

          Für ein glücklicheres Stuttgart

          Neubau der Landesbibliothek : Für ein glücklicheres Stuttgart

          Der Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek setzt darauf, dass die Stadt des Autos demnächst verkehrspolitische Vernunft annimmt. Allerdings glauben seine Architekten vom Büro LRO selbst nicht mehr recht daran.

          Topmeldungen

          Fertigungsstrecke von Geely in der chinesischen 6-Millionen-Einwohner-Metropole Ningbo.

          Autos aus Fernost : Chinas Einheitsfront gegen VW und Tesla

          Wie von Peking gewünscht, knüpft Milliardär Li Shufu ein Netzwerk mit chinesischen Technologiegiganten, um das Auto der Zukunft zu bauen. Auch Daimler darf helfen beim Projekt Welteroberung.
          Demonstranten auf dem Puschkin-Platz in Moskau am Samstag

          Demonstrationen für Nawalnyj : „Putin ist ein Dieb!“

          Zehntausende Menschen protestieren am Samstag gegen den russischen Staatspräsidenten und für die Freilassung Alexej Nawalnyjs. Die Staatsmacht geht hart gegen die friedlichen Demonstranten vor.
          Die Maske als Modeaccessoire

          Maßnahmen gegen Corona : Das Problem mit dem Lockdown

          In Museen, Friseursalons oder Fußballstadien steckt sich kaum jemand mit Corona an. Trotzdem bleibt alles zu. Was haben die Ministerpräsidenten gegen gezielte Maßnahmen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.