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: Inselhüpfen in der Karibik

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Die Karibik existiert als einheitlicher Raum nur in touristischen Kategorien. Im wirklichen Leben ist sie nicht die grob vereinfachte Metapher für Palmenstrand und Rum-Seligkeit, sondern ein Patchwork mit spanischen, französischen, englischen, niederländischen, afrikanischen und indianischen Flecken.

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          Die Karibik existiert als einheitlicher Raum nur in touristischen Kategorien. Im wirklichen Leben ist sie nicht die grob vereinfachte Metapher für Palmenstrand und Rum-Seligkeit, sondern ein Patchwork mit spanischen, französischen, englischen, niederländischen, afrikanischen und indianischen Flecken. Deswegen gibt es auch keine karibische Literatur - was noch lange nicht heißt, daß es keine hervorragende Literatur in der Karibik gäbe. Sie hat immerhin mit Gabriel García Márquez, Derek Walcott, Miguel Angel Asturias, Saint-John Perse und V. S. Naipaul schon fünf Nobelpreisträger hervorgebracht, sofern man großzügig die angrenzenden Staaten auf dem lateinamerikanischen Festland mitrechnet. Daß dies nur die Spitze des Eisbergs ist, lernt man in diesem Buch. Es spannt den Bogen von Kolumbus bis zur Gegenwartsliteratur, sucht den magischen Realismus auf den Kleinen Antillen und die Hinterlassenschaften Hemingways auf Kuba, ohne natürlich den hundertjährigen Seemann Gregorio Fuentes auszulassen, der zwanzig Jahre lang im Dienste des Amerikaners stand und längst zu einer Art Dauerkronzeuge in Sachen Hemingway avanciert ist. Außerdem werden Titel erwähnt, die mit der Karibik nur den Schauplatz gemein haben - etwa Defoes "Robinson Crusoe" oder Stevensons "Schatzinsel". Der literarische Streifzug ist allerdings eine beschwerliche Wanderung, denn die Inseln, Werke und Menschen werden so trocken beschrieben, daß man sich eher in einer muffigen Gelehrtenstube als am Sandstrand wähnt. Und geradezu ärgerlich wird es, wenn der Autor in seinem plumpen Antiamerikanismus und seinen Lobhudeleien auf Castros Revolution einen nicht unbedeutenden, politisch aber andersdenkenden Schriftsteller wie Mario Vargas Llosa als "das Söhnchen aus bester Villengegend von Lima" oder "eitlen Dampfplauderer" beschimpft und seine gescheiterte Präsidentschaftskandidatur hämisch kommentiert. Das ist billige Polemik, die das Buch disqualifiziert.

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          "Nuestra América - Literarische Streifzüge durch Kuba und die Karibik" von Harald Irnberger. Patmos Verlag/Artemis und Winkler, Düsseldorf und Zürich 2003. 280 Seiten, einige Schwarzweißfotografien. Gebunden, 19,90 Euro. ISBN 3-538-07150-0.

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