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: Hinunter in die Täler

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Weil die Wege des Tourismus unerklärlich sind, gibt es faszinierende Wandergebiete, in die sich kein Mensch verirrt. Das östliche Friaul ist so eines - das einsame Hügelland zwischen dem inneralpinen Kanaltal und dem slowenischem Karst. Zumindest der Mangel an deutschsprachiger Reiseliteratur ist jetzt keine Ausrede mehr, einen weiten Bogen um diese Terra incognita zu machen.

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          Weil die Wege des Tourismus unerklärlich sind, gibt es faszinierende Wandergebiete, in die sich kein Mensch verirrt. Das östliche Friaul ist so eines - das einsame Hügelland zwischen dem inneralpinen Kanaltal und dem slowenischem Karst. Zumindest der Mangel an deutschsprachiger Reiseliteratur ist jetzt keine Ausrede mehr, einen weiten Bogen um diese Terra incognita zu machen. Das Universitätskulturzentrum "Unikum" aus Klagenfurt hat ein umfangreiches Wanderlesebuch vorgelegt, das neben den Streckenvorschlägen vor allem einen Wunsch befriedigt, den die meisten anderen Reihen schon lange nicht mehr erfüllen: einen halbwegs umfassenden Überblick über Geschichte und Gegenwart der durchwanderten Region zu bekommen. Gerhard Pilgram und seine Mitautoren dringen überall da in die Tiefe vor, wo herkömmliche Wanderführer allenfalls an der Oberfläche kratzen. So machen sie etwa das weitverbreitete Furlan zum Thema - jene drittgrößte Minderheitensprache Italiens, deren Zuordung zum Rätoromanischen inzwischen umstritten ist. Hintergründiges erfährt man auch über das gewaltige Blei-Zinn-Bergwerk, das das wildromantische Alpental von Predil jahrzehntelang in eine triste Industriezone verwandelte, und über die unterschiedlichen Wiederaufbaukonzepte nach dem katastrophalen Erdbeben, das 1976 in der Provinz Udine ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachte. Statt das Idyll zu beschwören, halten sich die Autoren offen für die Vielgesichtigkeit dieses unspektakulären Transitlandes und die Spannungen in den Orts- und Landschaftsbildern. Raum bleibt selbst für die Wahrnehmung des Unschönen, das es auch dort zu sehen gibt, wo der Tourismus noch nicht Fuß gefasst hat und noch keine Zweitwohnungssiedlungen die Hänge hinaufwuchern. Kein Wunder, dass sich Pilgram mit Schwarzweißaufnahmen begnügt. In ihrer feinen dokumentarischen Bildsprache machen sie klar, dass das Authentische dieser vergessenen Region in ihren Brüchen liegt. Vorgeschlagen werden achtzehn Tagestouren und eine siebentägige Rundwanderung durch die Natisone-Täler. Anstelle von GPS-Daten bekommt man detaillierte Wegbeschreibungen als Orientierungshilfe. Das genügt vollauf und schärft zudem den Wahrnehmungssinn. Klar, dass auf die örtliche Ausschilderung so wenig Verlass ist wie auf die italienischen Wanderkarten. Seinem Titel "Die letzten Täler" wird das Buch mehr als gerecht: Die Wanderungen führen immer wieder an Orte, in denen die Zeit stehengeblieben scheint, Orte der Stille wie Mogessa di qua und Stavoli, die keinerlei Straßenanschluss haben. Ohne dafür in die abgelegensten Winkel des Hochgebirges aufsteigen zu müssen, gerät man hier in die verlorene Welt des Zufußgehens - in das Reich der Langsamkeit, in dem man nicht einmal von Seinesgleichen behelligt wird. Daran wird vermutlich auch dieses vorbildliche Buch nichts ändern. Was will man als Wanderer mehr?

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          "Die letzten Täler - Wandern und Einkehren in Friaul" von Gerhard Pilgram, Wilhelm Berger, Werner Koroschitz und Annemarie Pilgram-Ribitsch. Drava Verlag, Klagenfurt 2008. 416 Seiten, zahlreiche Fotos. Broschiert, 24,80 Euro.

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