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: Hier das Bächle, dort die Braut

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Wer sich, und sei es auch nur im Geiste, auf einen der sechzehn Stadtspaziergänge von Arndt Spieth begibt, lernt dabei vor allem eines: dass er noch längst nicht alles über die Stadt wusste, die er doch so gut zu kennen meint. (Wobei jeder, der einmal in Freiburg war, glaubt, die Stadt zu kennen, sie ...

          Wer sich, und sei es auch nur im Geiste, auf einen der sechzehn Stadtspaziergänge von Arndt Spieth begibt, lernt dabei vor allem eines: dass er noch längst nicht alles über die Stadt wusste, die er doch so gut zu kennen meint. (Wobei jeder, der einmal in Freiburg war, glaubt, die Stadt zu kennen, sie ist sozusagen das Wohnzimmer der Deutschen, und außerdem hat ja auch fast jeder irgendwann mal dort studiert.) Spieth ist ein exzellenter Rechercheur, der mit großer Sachlichkeit Bekanntes und Unbekanntes aus Geschichte und Gegenwart vorträgt. Er führt den Leser zunächst in die Altstadt, wo er sich nicht nur, aber auch dem Thema "Bächle" ausführlich widmet. Da erfährt man dann etwa, dass es in der Fischerau, die heute von kleinen Lädchen und Galerien gesäumt wird, im Mittelalter einen "Ewigen Teiler" gab, der dazu diente, das knappe Gut Wasser gerecht auf die verschiedenen wasserführenden Bächle zu verteilen - und es fehlt hier auch nicht der Hinweis, dass, wer aus Versehen in eines der Bächle tritt, einen Freiburger oder eine Freiburgerin heiraten wird . . . Überall streut Spieth solch kleine Erkenntnisse und Anekdoten ein, und dadurch wirkt die Stadt noch viel sympathischer, als sie es durch das reine Vorbeiführen an Sehenswürdigkeiten jemals werden könnte: Ein rollierendes Wurstbudensystem auf dem Wochenmarkt wird dem Leser vorgestellt, oder man erfährt, dass die Goethestraße im innenstadtnahen Altbauparadies Wiehre, in der heute das gehobene Bürgertum logiert, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts durch reiche Neubürger aus dem cholerageplagten Hamburg besiedelt wurde. Auch entlegenere Stadtteile wie das erst in jüngster Vergangenheit bezogene Rieselfeld oder das akademisch geprägte Institutsviertel, an das die Justizvollzugsanstalt grenzt, greift Spieth auf. Detailverliebt hat er sich sogar die Zellenordnung aus dem Jahr 1912 besorgt und verrät, wie die Insassen Essbesteck und Wolldecke zu verstauen hatten. Im Anhang gibt es reichlich Empfehlungen, so dass man sich auch kulinarisch auf diesen Führer verlassen kann. Spieth macht, obwohl er mit großer Nüchternheit formuliert, Lust auf Freiburg - auch dem, der meint, es schon gut zu kennen.

          mel.

          "Stadtspaziergänge in Freiburg" von Arnd Spieth. G. Brau Buchverlag, Karlsruhe 2009. 141 Seiten, 80 Abbildungen, 16 Detailkarten, eine Übersichtskarte. Broschiert, 12,90 Euro.

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