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: Heimat der Heimatlosen

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Madrid ist eine Stadt ohne Eigenschaften, auf königlichen Befehl in die kastilische Hochebene gepflanzt, auch nach Jahrhunderten noch ein wurzelloses Kunstgeschöpf, eine Spiegelung im Dunst der monochromen Meseta, die charakterlose Heimat von drei Millionen heimatlosen Menschen, spröde und fiktiv, wie ...

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          Madrid ist eine Stadt ohne Eigenschaften, auf königlichen Befehl in die kastilische Hochebene gepflanzt, auch nach Jahrhunderten noch ein wurzelloses Kunstgeschöpf, eine Spiegelung im Dunst der monochromen Meseta, die charakterlose Heimat von drei Millionen heimatlosen Menschen, spröde und fiktiv, wie der Madrilene Javier Marías schreibt, sich selbst und alle anderen ständig täuschend, eine Stadt, die ihre Geschichte selbst zerstört, wie Carmen Martín Gaite meint, eine Stadt von flüchtigem, bastardhaftem Geist. Möchte man an einem solchen Ort leben? Wenn man dieses schöne, schmale Buch gelesen hat, in dem knapp zwei Dutzend spanische Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts wie Juan José Millás, Rosa Montero, Rafael Chirbes, Manuel Rivas, Francisco Umbral, Antonio Muñoz Molina oder Manuel Vázquez Montalbán um Madrid kreisen wie um ein rätselhaftes, verlockendes Wesen, ins Kaffeehaus und zu den Strichjungen gehen, heimtückischen Flamenco-Musikern und freundlichen Kommunisten begegnen, die Belagerung der Stadt im Bürgerkrieg erleben und den Moment von Francos Tod, wenn man all die Nischen sieht, die Madrids Eigenschaftslosigkeit erst schafft - dann will man unbedingt in dieser Stadt leben. Warum das so ist, hat Ramón Gómez de la Serna schlichter und klüger beschrieben als alle anderen: "Madrid bedeutet, nichts anderes sein zu wollen als das, was man ist."

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          "Madrid - eine literarische Einladung", herausgegeben von Marco Thomas Bosshard und Juan-Manuel García Serrano. Wagenbach Verlag, Berlin 2008. 144 Seiten. Gebunden, 15,90 Euro.

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