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: Harmlose Hügel

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"Unsere Hügel sind harmlos" - so beschreibt Martin Walser seine Heimat. Mit ihm, sagen die Herausgeber der Anthologie "Geschichten aus Oberschwaben", verliere die Region von Ulm bis zum Bodensee "ihren provinziellen Charakter". Bis zum achtzehnten Jahrhundert gab es wenig literarische Kontinuität. Hungersnöte, ...

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          "Unsere Hügel sind harmlos" - so beschreibt Martin Walser seine Heimat. Mit ihm, sagen die Herausgeber der Anthologie "Geschichten aus Oberschwaben", verliere die Region von Ulm bis zum Bodensee "ihren provinziellen Charakter". Bis zum achtzehnten Jahrhundert gab es wenig literarische Kontinuität. Hungersnöte, Pest, Verwüstungen und ständige Kriege seien kein Klima, in dem Literatur auf Dauer gedeihen könne. Oberschwabens bedeutendster Dichter, Christoph Martin Wieland, setzte sich auch für andere Schriftsteller ein, er übersetzte Shakespeares "Der Sturm" und führte das Stück 1761 in Biberach auf; und er gab anonym "Fräulein von Sternheim" heraus, geschrieben von Sophie von La Roche, somit die erste Romanpublikation einer deutschsprachigen Autorin. Regionale Dichter beziehen sich gerne aufeinander. So schreibt Ernst Jünger über "Waiblingers Landsleute", während Arnold Stadler "Gehversuche auf Heideggers ,Feldweg'" unternimmt. Legitimerweise sind auch Autoren vertreten, die zugezogen sind, allen voran Mörike, Ernst Jünger und Hesse. Warum allerdings Wilhelm Schussen aufgenommen wurde, ein Autor, der, wie die Herausgeber nicht verschweigen, zu den 88 Schriftstellern gehörte, die "das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Hitler" unterzeichneten, bleibt wenig nachvollziehbar. Schussens "Blick über Oberschwaben" mag man danach nicht mehr lesen. Die Texte ergeben ein Mosaikbild der Region, von furchendampfenden Heimatgedichten von Maria Menz bis zu W.G. Sebalds wunderbarer Geschichte über einen Lehrer, der Heimatkunde außerhalb des Klassenzimmers vermittelt. Zu den jüngsten Autoren zählt Arnold Stadler, Jahrgang 1954. Über das heutige, junge Leben in Ulm oder Konstanz erfährt man somit nicht viel, das Buch bleibt im Gestern verhangen. Hilfreich wäre gewesen, wenn bei den Texten das Erscheinungsjahr direkt angegeben wäre. Und in einer solchen Anthologie wäre eine Landkarte nützlich: Die nicht-oberschwäbischen Leser dürften kaum wissen, wo denn nun Heideggers Meßkirch, Jüngers Wilflingen, das Leutkirch von Owlglass und Peter Hamms Weingarten genau liegen.

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          "Geschichten aus Oberschwaben", herausgegeben von Elmar R. Kuhn und Peter Renz. Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2010. 400 Seiten. Gebunden, 22,90 Euro.

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