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: Glückliche Momente in einem Fellini-Film

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Bei der Lektüre dieses aufwendig gestalteten Buchs stellt sich ein etwas unheimlicher "Vorsicht, Kamera!"-Effekt ein. Mit dem bedrängenden Gefühl beobachtet zu werden, blättert man durch die Seiten. Versteckt sich im pompösen Einband, der zu einem beidseitig bedruckten Plakat entfaltet werden kann, ...

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          Bei der Lektüre dieses aufwendig gestalteten Buchs stellt sich ein etwas unheimlicher "Vorsicht, Kamera!"-Effekt ein. Mit dem bedrängenden Gefühl beobachtet zu werden, blättert man durch die Seiten. Versteckt sich im pompösen Einband, der zu einem beidseitig bedruckten Plakat entfaltet werden kann, oder in der roten Schleife des Lesezeichens vielleicht eine Minikamera? Dann steht womöglich gleich die Autorin vor der Haustür und erklärt lachend: "Alles nur Spaß! Nicht ernst gemeint!" Aber es klingelt niemand, und das Buch liegt bleischwer auf dem Tisch. So viel Blödsinn ist selten über Italien geschrieben worden. Die Geschichte ist schnell erzählt: Beruflich erfolgreiche Australierin gerät in Lebenskrise. Nach einem einsamen Silvesterabend fällt die Entscheidung, und mit zwei Koffern und einer gebrauchten Nikon macht sich die Fünfunddreißigjährige auf ins Sehnsuchtsland Italien. Dort, wo das Leben bekanntlich süß, die Menschen schön und die Sonne am Himmel festgenagelt ist, beginnt für unsere Heldin ein neues und fabelhaftes Leben. Von Florenz aus fährt die schnell zur professionellen Fotografin gewordene Autorin durchs Land. Sie entdeckt Rom, Venedig und Neapel, bereist die Toskana, erobert Capri und all das mit einer Naivität, die, wären die Texte nicht so schlecht und die vielen Fotos nicht so langweilig, fast amüsieren könnte. Schnell findet sich auch das große Liebesglück. Wenn Francesco "mit nichts als einem weißen Unterhemd und einer Zigarette im Mundwinkel durchs Haus läuft", dann fühlt sich die Italienverliebte, "als wären wir Hauptdarsteller in unserem eigenen Fellini-Film". Besonders unerträglich sind die Beschreibungen von italienischen Märkten und Lebensmitteln, wenn etwa "meine Sellerie, meine Karotten und Äpfel liebevoll in braune Papiertüten gebettet werden" oder es mal wieder irgendwo nach frischem Basilikum duftet. Die Gerüche Italiens müssen der Autorin zu Kopf gestiegen sein, denn die Texte lesen sich teilweise, als seien sie unter Einnahme berauschender Substanzen geschrieben worden. Italienische Lebensrealitäten werden konsequent ausgeblendet, selbst die Abgaswolken der Vespas sind für die Autorin Parfüm. Irgendwo schreibt sie: "Kitschig, ich weiß, aber sooo schön!" Irrtum! Nur unerträglich!

          üte

          "Italia amore mio" von Carla Coulson. Collection Rolf Heyne, München 2006. 266 Seiten, zahlreiche Fotos. Gebunden, 38 Euro. ISBN 3-89910-297-5.

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