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: Geradewegs ins Zentrum des Nichts

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Michael Martins Buch "Die Wüsten der Erde" ist ein Wagnis. Vielleicht ist es sogar eine Provokation. Nur daß man es nicht auf Anhieb bemerkt. Denn knapp zwei Seiten lang stimmt zunächst der Sahara-Durchquerer Michael Asher das Hohelied der Wüste an, geradeso, wie man es bei einem opulenten Fotoband erwartet, ...

          Michael Martins Buch "Die Wüsten der Erde" ist ein Wagnis. Vielleicht ist es sogar eine Provokation. Nur daß man es nicht auf Anhieb bemerkt. Denn knapp zwei Seiten lang stimmt zunächst der Sahara-Durchquerer Michael Asher das Hohelied der Wüste an, geradeso, wie man es bei einem opulenten Fotoband erwartet, der nicht weniger zeigt als den Urzustand unserer Erde, und der eine Welt dokumentiert, in der die drei großen Weltreligionen ihren Ursprung haben. "Die Wüsten der Erde sind von essentieller Bedeutung für den menschlichen Geist", schreibt Asher und beginnt zu schwärmen: von dem Freiraum für die Phantasie, von der Verbindung von Erde und Kosmos und von dem neuen Raum-Zeit-Kontinuum, das jeder Wüstenreisende betrete. Da ist denn auch sein Bekenntnis, daß ihm die einsamen, wüsten Weiten "die tiefsten spirituellen Erfahrungen" seines Lebens beschert haben, keine große Überraschung mehr. Doch mit alldem hat dieses Buch nichts zu tun.

          Michael Martin ist Diplom-Geograph. Das hebt er gern hervor. Und das merkt man jeder Zeile seines Buchs "Die Wüsten der Erde" an. Staubtrocken, wie die Landschaften selbst es sind, referiert Martin sein Thema in Kapiteln wie "Der Wüstenbegriff" oder "Die Wüsten und ihre Ursachen", in denen er Definitionen erörtert und detailliert jene klimatischen Vorgänge beschreibt, welche die Trockenheit bewirken, aus der wiederum die Wüsten überhaupt erst entstehen. "Kennt man die Ursachen, wird auch die räumliche Verteilung der Wüsten auf der Erde verständlich", argumentiert Michael Martin und macht sich augenblicklich daran, die atmosphärische Zirkulation im dreidimensionalen Raum zu erklären. Das ist nun wirklich eine Überraschung.

          Michael Martin entkommt der Falle fragwürdiger Schwärmereien und sucht Halt allein in Fakten. Gut ein Jahr hat er in Archiven und Bibliotheken zugebracht, als könne nur die exakte Wissenschaft auch das letzte Geheimnis unter dem letzten umgedrehten Sandkörnchen lüften. Und am Ende bleibt zwischen den kleinsten Elementen ("Die Grenze zwischen Sand- und Staubwind liegt bei 1/16 mm Korndurchmesser") und den größten Zusammenhängen ("Die Wüsten der Erde haben unter Einbeziehung der Halbwüsten - semiarider Gebiete - eine Fläche von 45 bis 50 Millionen km2, das sind 33 bis 36 Prozent der gesamten Landoberfläche") wirklich keine Frage offen. Wer unterwegs bei der Lektüre ins Straucheln geraten sollte, schlägt nach im Glossar und läßt sich erläutern, was Serire und Regs von Hammadas und Ergs unterscheidet. Aber man gerät nicht ins Straucheln, sondern läßt sich von Michael Martins Schilderungen mitnehmen wie das Sandkorn vom Wüstenwind und ist fasziniert und immer faszinierter. Und fragt sich irgendwann, weshalb nicht viel früher jemand auf diese wunderbare Idee gekommen ist, den Wüsten eine solch klassische, fast schon enzyklopädisch zu nennende Länderkunde zu widmen.

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