https://www.faz.net/-gqz-np7c

: Flammende Rede für die Alpen

  • Aktualisiert am

Zwischen der kaledonisch-variskischen Gebirgsbildung, die vor 450 Millionen Jahren begann, und dem Feuersturm am 11. November 2000 im Seilbahntunnel von Kaprun liegt das weite, interdisziplinäre Arbeitsfeld von Werner Bätzing, Professor für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Universität Erlangen/Nürnberg.

          Zwischen der kaledonisch-variskischen Gebirgsbildung, die vor 450 Millionen Jahren begann, und dem Feuersturm am 11. November 2000 im Seilbahntunnel von Kaprun liegt das weite, interdisziplinäre Arbeitsfeld von Werner Bätzing, Professor für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Universität Erlangen/Nürnberg. Jetzt hat der Wissenschaftler mit dem Buch "Die Alpen - Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft" eine zweite aktualisierte und neu konzipierte Fassung seines 1991 erschienenen Standardwerks "Die Alpen - Entstehung und Gefährdung einer europäischen Kulturlandschaft" vorgelegt. Der kleine Unterschied im Titel ist von Bedeutung: Bätzing bleibt zwar der Warner vor der Zerstörung eines einzigartigen Ökosystems, versteht sich aber nun stärker als Moderator und Vermittler zwischen Fortschrittswütigen und Erzkonservativen. Das gilt insbesondere für den Fremdenverkehr im Tal und auf der Höh', dessen ökonomische Verdienste Bätzing durchaus zu würdigen weiß. Die Ausführungen über Tourismus und Tourismuspolitik, abgehandelt im Kapitel "Der Zusammenbruch der traditionellen alpinen Welt und die neuen Nutzungsformen seit dem 19. Jahrhundert", müßte Pflichtlektüre für jeden alpenländischen Politiker, Talkaiser, Touristiker oder Seilbahnmanager sein. Nur, die lieben Bätzing nicht sonderlich und seine Kritik an der undemokratischen Mauschelei im alpinen Dorf. Das Resümee seiner Arbeit zieht Bätzing schon im Vorwort: "Während die traditionelle Nutzung die Arten- und Landschaftsvielfalt der Alpen erhöhte und sich langfristig für die ökologische Stabilität der Kulturlandschaften verantwortlich fühlte, sind die modernen Nutzungen der Industrie- und Dienstleistungslandschaft kurzfristig angelegt. Sie zerstören die biologische Vielfalt und gefährden die ökologische Stabilität, weil weder eine umweltgerechte Wirtschaftsweise noch ein kulturelles Verantwortungsbewußtsein heute konkurrenz- und durchsetzungsfähig sind." Zurück zu den Wurzeln? Um Gottes willen, sagt Bätzing. Sein Vorschlag: In die modernen Wirtschafts-, Lebens- und Kulturformen müßten die traditionellen Erfahrungen im Umgang mit der Alpennatur integriert werden. Wie das zu bewerkstelligen wäre, auch davon handelt dieses Buch. Weil Bätzing bewußt auf Fachtermini verzichtet, wo immer sie sich vermeiden lassen, ist es wegweisend nicht nur für seine Forscherkollegen.

          rrs

          "Die Alpen - Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft" von Werner Bätzing. Verlag C. H. Beck, München 2003. 448 Seiten, 85 Abbildungen, 34 Karten. Gebunden, 34,90 Euro. ISBN 3-406-50185-0.

          Weitere Themen

          In einem geteilten Land

          FAZ Plus Artikel: Akademie-Tagung in Belfast : In einem geteilten Land

          Wie wird das enden? An der inneririschen Grenze droht mit dem Brexit das Wiederaufflammen nationalistischer Konflikte. Auf einer Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Belfast ist die Sorge darüber zentrales Thema.

          Was macht die Flocke, wenn es taut?

          Kalifornien-Roman : Was macht die Flocke, wenn es taut?

          Von dunklem Blau ins tiefste Schwarz: Jan Wilms „Winterjahrbuch“ ist ein zitatreicher Monolog über den Schnee – und den Autor selbst. Bei dieser Lektüre sollte man wissen, worauf man sich einlässt.

          Topmeldungen

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.