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: Festsaal unter offenem Himmel

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Fünf Heroen der Kunst- und Geistesgeschichte bezeugen in Dietmar Schings "Schauplatz Gendarmenmarkt 1800 bis 1848" ihre Verbundenheit mit dem "schönsten Platz Berlins", auf dessen Pflaster der dichtende Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann in Gesellschaft des Schauspielers Ludwig Devrient so manchen edlen Tropfen aus dem berühmten Weinhaus "Lutter & Wegner" zu konsumieren pflegte.

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          Fünf Heroen der Kunst- und Geistesgeschichte bezeugen in Dietmar Schings "Schauplatz Gendarmenmarkt 1800 bis 1848" ihre Verbundenheit mit dem "schönsten Platz Berlins", auf dessen Pflaster der dichtende Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann in Gesellschaft des Schauspielers Ludwig Devrient so manchen edlen Tropfen aus dem berühmten Weinhaus "Lutter & Wegner" zu konsumieren pflegte. In seiner Novelle "Des Vetters Eckfenster" beschreibt der tödlich erkrankte Schriftsteller 1822 seine Wohnsituation am Gendarmenmarkt als einen Ort, der ihm vom Rollstuhl aus die Beobachtung "mannigfachster Szenen des bürgerlichen Lebens" erlaube. Als weiterer Anrainer mit temporären Wohnsitz im "Hôtel de Saxe", Jägerstraße 57, erscheint der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, der dem Platz in schlaflosen Nächten eine "Traumwirklichkeit im Hintergrund der Seele" verdankte, "als wäre der Weltuntergang schon vorüber". Das Universalgenie Karl Friedrich Schinkel, dem von Friedrich Wilhelm III. der Neubau des Königlichen Schauspielhauses anvertraut worden war, entzückte die Berliner bei der Eröffnung mit Goethes "Iphigenie auf Tauris" durch einen Prospekt mit Ausblick auf den Gendarmenmarkt, wie er sich vor den Toren des Theaters in allen architektonischen Einzelheiten darbot. Dabei griff der "Stilgeber Preußens" auf ein Frühwerk, das 1808 realisierte "Panorama von Palermo" zurück. Ein weit weniger professionell gestaltetes Rundbild der Stadt Rom, von seinem Schöpfer J. A. Breysig im Sommer 1800 auf dem Gendarmenmarkt ausgestellt, hatte bei Heinrich von Kleist, der es auf der Durchreise nach Würzburg besichtigte, nichts als Abscheu hinterlassen. Unvollendet blieb Adolph Menzels Gemälde "Aufbahrung der Märzgefallenen" vor der Fassade des Deutschen Domes, das den Umschlag der Neuerscheinung schmückt. Als belesener Autor bettet Dietmar Schings die Beiträge seiner fünf Kronzeugen in zitatenreiche Essays ein, die dem Touristen einen Besuch des "Festsaales unter offenem Himmel" ans Herz legen.

          C.B.

          "Schauplatz Gendarmenmarkt 1800-1848" von Dietmar Schings. Verlag Vorwerk 8, Berlin 2010. 144 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Broschiert, 19 Euro

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