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: Fest gemauert in der Erden

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Was für ein Leben. Die längste Zeit war er auf der Flucht. Vor dem Stock des Vaters, vor der Knute eines absolutistischen Despoten, dessen Prunksucht Württemberg an den Rand des Staatsbankrotts brachte. Vor der strengen Militärakademie, vor Schreibverbot und Zensur, vor dem Absturz in die Armut. ...

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          Was für ein Leben. Die längste Zeit war er auf der Flucht. Vor dem Stock des Vaters, vor der Knute eines absolutistischen Despoten, dessen Prunksucht Württemberg an den Rand des Staatsbankrotts brachte. Vor der strengen Militärakademie, vor Schreibverbot und Zensur, vor dem Absturz in die Armut. Als er endlich ein geregeltes Auskommen gefunden hat, haben die harten Lebensumstände seine Gesundheit bereits zerstört. Von der Grand Tour durch Südeuropa oder einem längeren Romaufenthalt kann Friedrich Schiller zeitlebens nur träumen. Nicht einmal die Alpen hat der Dichter des schweizerischen Nationalepos je gesehen. Seine einzige längere Reise führte ihn von Jena aus zwischen August 1793 und dem Mai 1794 noch einmal in seine schwäbische Heimat, um die Familie, Freunde und ehemalige Lehrer zu besuchen. Viel mehr hat er von der Welt nicht gesehen. Die zahlreichen Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg stellt der Autor in diesem wunderbaren Buch ausführlich vor. Es ist mehreres zugleich: eine flott skizzierte Biographie, die mit eingestreuten Texten Schillers und von Freunden sehr lebendig gerät. Eine kleine kulturgeschichtliche Darstellung von Land und Zeit; ein schön ausgestatteter Bildband; mit den beigegebenen Ortsplänen nicht zuletzt ein praktischer Reiseführer. Zur Illustration beschränkte man sich auf historische Abbildungen, das macht einen weiteren Reiz aus. Mit dem Buch in der Hand lässt sich zwischen Neckar, Jagst und Rhein des Dichters Einst im Jetzt nachspüren. Mögen die stimmungsvollen Veduten auch etwas anderes suggerieren: Dass die Jahre im protestantischen Kleinbürgermief mit strenger Zucht für den lebhaften Fritz kein Zuckerschlecken waren, beschreibt der Autor ausführlich - auch, dass hinter vermeintlich heiteren Anekdoten in Wahrheit eine erschreckende Kindheit steckt. Noch vor seiner "Schwabenreise" vergewissert sich der Professor Schiller erst einmal, dass er von Herzog Carl Eugen nichts mehr zu befürchten hat, ehe er einen Fuß auf württembergisches Hoheitsgebiet setzt. Zu den Fakten stehen die Artefakte der religiös-nationalen Schillerverehrung in eigentümlichem Kontrast. Der Autor führt zu den übers Land ausgestreuten heroischen Denkmälern, salbungsvollen Gedenktafeln, zu allen möglichen Schillereichen und Schillergrotten. Für den bizarren Kult hat er eine plausible Erklärung: Findige Schwaben kreierten im vorletzten Jahrhundert die albernen Weihestätten, um mit Schillers Namen den Fremdenverkehr im Ländle tüchtig anzukurbeln und Kasse zu machen.

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          "Mit Schiller von Ort zu Ort. Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg" von Wilfried Setzler. Silberburg-Verlag, Tübingen 2009. 200 Seiten, 115 Abbildungen. Gebunden, 19,90 Euro.

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