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: Fahrradtour durch die Hirnwindungen

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Der Schriftsteller Christoph D. Brumme begibt sich per Fahrrad und lediglich bewaffnet mit Zelt und Diktiergerät auf eine Osteuropa-Reise von Berlin bis Saratov, an der Wolga und zurück. Sein Ziel ist es, die "laue Luft des Wohlbefindens" abzulegen, der "Industrialisierung des Bewusstseins" zu entgehen.

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          Der Schriftsteller Christoph D. Brumme begibt sich per Fahrrad und lediglich bewaffnet mit Zelt und Diktiergerät auf eine Osteuropa-Reise von Berlin bis Saratov, an der Wolga und zurück. Sein Ziel ist es, die "laue Luft des Wohlbefindens" abzulegen, der "Industrialisierung des Bewusstseins" zu entgehen. "Ich muss mich nicht verhalten", sinniert der Autor über den Kraftquell des Alleinseins. Auf seiner Fahrt durch Polen, die Ukraine und Russland berichtet er menschenkenntnisreich von Begegnungen mit Bauern, Schachtarbeitern, Volksdeputierten, Gendarmen und Banditen. Beinahe beschämend für den Westler ist die ukrainische Gastfreundschaft: "Freundschaft schließt man hier, bevor man sich kennenlernt." Brummes besonderes Faible im "Freilichtmuseum Ukraine" gilt den mit Steinmosaiken kunstvoll verzierten Bushaltesstellen, die er in Wort und Bild schwärmerisch festhält. Kontrapunktisch zu den ländlichen Stillleben in der Ukraine handeln die Stationen im neukapitalistischen Russland von Rubel, Reklame und Korruption. Etwas schwächer sind reportagehafte Passagen wie über den Arbeitstag einer Einheit der Bahnhofspolizei, ein Genre, von dem der Autor sich ansonsten distanziert. Seine Stärken entwickelt er im Wechsel von knappen Tagebucheinträgen und Bewusstseinsströmen ("Vielleicht fahre ich durch Dörfer oder durch meine Hirnwindungen") wie reflexive Passagen über das Schreiben ("Verwendung der Adjektive: Thomas Mann bindet Schleifchen in die Sätze, Kafka Rubine und Rasierklingen") oder Schachspielen. Locker versteckt zwischen Wegesrandimpressionen und Wildtierbeobachtungen lauern im Fahrtwind der Geschichte gewonnene Welterkenntnisse wie diese: "In zweitausend Jahren werden Kommunismus und Marktwirtschaft Nebengeräusche gewesen sein." "Ein Überflüssiger ist angekommen", beschreibt Brumme mit nihilistischem Charme seine Ankunft und "seelische Entlüftung" in Saratov. Die Pointe kommt beim Grenzübergang zurück nach Deutschland, wo er anstatt der erwarteten Blumen Belehrungen erhält. "Ich liebe meine Heimat", endet das Buch sarkastisch.

          sg

          "Auf einem blauen Elefanten. 8353 Kilometer mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und zurück" von Christoph D. Brumme. Dittrich Verlag, Berlin 2009. 250 Seiten, einige Landkarten und Fotos. Gebunden, 19,80 Euro.

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