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: Empfindsame Reise in die Abgründe der Seele

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Man ist geneigt, die ganze Geschichte als einen zwar wortgewaltigen, aber eher skurrilen Einfall abzutun, doch das wäre leichtfertig, denn es handelt sich hier um ein poetisches Produkt, das Seite um Seite faszinierender wird und am Ende den Leser wie in einen Kokon aus Gedanken einspinnt. Um dieses ...

          Man ist geneigt, die ganze Geschichte als einen zwar wortgewaltigen, aber eher skurrilen Einfall abzutun, doch das wäre leichtfertig, denn es handelt sich hier um ein poetisches Produkt, das Seite um Seite faszinierender wird und am Ende den Leser wie in einen Kokon aus Gedanken einspinnt. Um dieses Werk von Jennifer Higgie, der australischen Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Mitherausgeberin einer Kunstzeitschrift, zu verstehen, muss man allerdings einiges wissen: Das im Titel genannte Bedlam - heute in der englischen Sprache als Synonym für Chaos verwendet - ist eine Verballhornung von Bethlehem, einer um 1330 in London errichteten Irrenanstalt, in der die Patienten unter unmenschlichen Bedingungen verwahrt wurden. Und es ist notwendig, zuerst das Nachwort von Dino Heicker zu lesen, in dem die Identität eines "gewissen Richard Dadd" geklärt wird. Dieses frühreife Maler-Genie des viktorianischen Zeitalters, begann gerade fünfundzwanzig Jahre alt, den Verstand zu verlieren. Von schizophrenen Anfällen geplagt, glaubte er unter dem Einfluss des ägyptischen Gottes Osiris zu stehen, dachte über einen Anschlag auf den Papst nach und erstach seinen Vater, den er für eine Inkarnation des Teufels hielt. In Bedlam eingewiesen, durfte er weiter malen und schuf wunderlich schöne Bilder eines märchenhaften Universums. Diesen Richard Dadd macht Jennifer Higgie zu ihrem Medium, wobei lediglich eine Reise durch Europa und den Nahen Osten als Begleiter des Mäzens Sir Thomas Phillips, im Juli 1842 begonnen, Fakt ist, alles aber, was Dadd in den Mund gelegt wird, reine Fiktionen sind. Ihnen ist - gleich ob es sich um Beschreibungen von Ostende oder Alexandria oder um "Stimmungsbilder" wie eine Meerfahrt handelt - gemein, dass sie zwischen Traum und Wirklichkeit zu schweben scheinen und darin Empfindungen formuliert sind, die aus einer sonst verborgenen menschlichen Gefühlswelt stammen. So entsteht eine Art Reise-Tagebuch, dessen eigentliche Route nicht von der Topographie, sondern vom Zustand der Seele bestimmt wird.

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          "Bedlam und andere Stationen einer Reise, die ein gewisser Richard Dadd im Jahre 1842 unternahm" von Jennifer Higgie. Parthas Verlag, Berlin 2009. 239 Seiten, 8 Abbildungen. Gebunden, 18 Euro.

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