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: Einmal Oxiana und zurück

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Gut, dass es die Taxifahrer gibt. Sie sind, bei Romanciers und Reportern gleichermaßen, ein beliebtes Medium, um die Welt zu erklären, und man nutzt sie gern als Sprachrohr für das, was man selbst nicht sagen möchte oder dessen man sich nicht sicher ist. Jason Elliot benutzt die Taxifahrer, aber auch Schalterbeamte und Fremdenführer bei seinen Reisen durch Iran reichlich.

          Gut, dass es die Taxifahrer gibt. Sie sind, bei Romanciers und Reportern gleichermaßen, ein beliebtes Medium, um die Welt zu erklären, und man nutzt sie gern als Sprachrohr für das, was man selbst nicht sagen möchte oder dessen man sich nicht sicher ist. Jason Elliot benutzt die Taxifahrer, aber auch Schalterbeamte und Fremdenführer bei seinen Reisen durch Iran reichlich. Sie sind Verkünder der politischen Meinung, Beobachter der gesellschaftlichen Zustände und Analysten der wirtschaftlichen Lage. Überhaupt hat der Autor nahezu keine eigene Meinung, sondern lässt immer nur seine zahllosen Bekanntschaften zur iranischen Gegenwart Stellung nehmen. Das ist ein wenig bedauerlich, da die Neugier auf neutrale Nachrichten aus diesem Land umso größer wird, je schwieriger es zu bereisen ist und je mehr es sich - von den Vereinigten Staaten als "Schurkenstaat" gebrandmarkt - durch die undurchschaubare Politik seines Präsidenten Mahmud Ahmadineschad isoliert. Doch das ist nicht das einzige Manko dieses Buchs. Ganz deutlich wird, dass sich Jason Elliot den schon 1937 erschienenen Reiseroman "Der Weg nach Oxiana" von Robert Byron zum Vorbild genommen hat, auch wenn er sich über die Fabulierkunst dieses Schriftstellers mokiert. Seine hellsichtige Betrachtung von Persiens Vergangenheit und Zukunft wird allerdings nicht erreicht. Zwar gibt es auch hier gelegentlich intensive, wortgewaltig-poetische Beschreibungen, aber es ist nicht gelungen, persönliche Begegnungen mit den umständlich formulierten historischen Erklärungen zu verschränken, zu oft wird es schwierig, den Gedankensprüngen und rabiaten Themenwechseln zu folgen, und aus den Fugen zu geraten droht das Buch gar, wenn Elliot über England, Touristen und islamische Kunst redet, das ausbreitet, was er "historische Phantasien" nennt, höchst spekulativ über die Konfiguration der Bauwerke von Isfahan plaudert oder - zugegeben ein höchst kompliziertes Unterfangen - den Unterschied von Schiiten und Sunniten zu erklären versucht. Geradezu albern ist der Hinweis an den Leser, die Lektüre achtzehn Seiten weiter fortzusetzen, wenn er sich nicht für Kunst, Metaphysik und Tauben interessiere. Spannend ist das Buch trotzdem. Fragen muss man jedoch, warum der Autor, der zwar weit herumkommt, offenbar ein Kommunikationstalent ist und sogar des besseren Blicks wegen Baugerüste erklimmt, so wenig Grundsätzliches über Iran von heute sagt. Es scheint fast, als habe Jason Elliot vor lauter Lust am Erzählen von Abenteuern einen entscheidenden Aspekt vergessen - oder sich nicht getraut, genau hinzuschauen.

          tg

          "Persien - Gottes vergessener Garten" von Jason Elliot. Piper Verlag, München 2007. 444 Seiten,

          34 Fotografien und Zeichnungen. Gebunden, 24,90 Euro.

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