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: Ein paar Finger für den Gipfel

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"Reiß dich zusammen. Du bist nicht in Vietnam, du bist in den Alpen und nur ein Typ, der in die Berge kam, um Angst zu bekommen, und das ist dir auch gelungen." So schimpft der schottische Autor Robert Macfarlane nach einem Steinschlag und dem Rattern von Hubschrauberrotoren auf sich selbst ein. Dann aber erkennt er den Lohn der Angst: das Gefühl des Lebendigseins.

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          "Reiß dich zusammen. Du bist nicht in Vietnam, du bist in den Alpen und nur ein Typ, der in die Berge kam, um Angst zu bekommen, und das ist dir auch gelungen." So schimpft der schottische Autor Robert Macfarlane nach einem Steinschlag und dem Rattern von Hubschrauberrotoren auf sich selbst ein. Dann aber erkennt er den Lohn der Angst: das Gefühl des Lebendigseins. "Hoffnung, Angst, Hoffnung, Angst", schreibt er, "das ist der grundlegende Rhythmus des Bergsteigens." In seinem Buch "Berge im Kopf" wechseln sich abenteuerliche Szenen stets ab mit persönlichen Erkenntnissen, aber auch mit zahlreichen Exkursen in die Geschichte der Berge - sei es geographisch, historisch oder in der Kunst. Guten Gewissens darf man es als eine der klügsten Auseinandersetzungen mit dem Bergsteigen der vergangenen Jahre bezeichnen. Wie aber beginnt eine solche Leidenschaft? Macfarlanes Initialzündung war der Band "Kampf um den Everest", den er als Kind gelesen hat. Fortan las er sich quer durch alle Berg- und Polabenteuer. Kaum eine Seite habe es da gegeben ohne Verstümmelung. "Ich mochte diese grässlichen Details", gesteht er. Auch gefielen ihm die Landschaften und die Polarisierung von richtig und falsch. Einen Berg zu besteigen, dafür müsse man eben Opfer bringen, sieht der Bub sofort ein und liest Herzogs "Annapurna" gleich dreimal. "Was waren schon Zehen und Finger, da waren er und ich uns einig, im Vergleich dazu, auf diesen wenigen Quadratmetern Schnee gestanden zu haben?", pflichtet er Herzog bei. Bereits mit zweiundzwanzig nahm Macfarlane an Bergexpeditionen nach Asien teil; bald jedoch änderte er seine Einstellung zum Bergsteigen. Heute, im Gegensatz zu den Schwärmereien des Jugendlichen, ist für ihn mit dem Tod in den Bergen nichts Edles verbunden, sondern "eine fürchterliche Verschwendung". Er habe aufgehört, Risiken einzugehen, und unternehme nicht einmal mehr Touren, für die man ein Seil benötige. Dass keine Ansicht gegenüber den Bergen in Stein gehauen ist - dass im Laufe von drei Jahrhunderten etwa das, weshalb man Berge ursprünglich mied, sie mit einem Mal anziehend machte: Steilheit, Einsamkeit, Gefährlichkeit - und dass nicht einmal die Berge selbst stets jene massiven Blöcke waren, als die sie sich heute zeigen, das liest man hier nicht zum ersten Mal. Doch so plastisch wurde es selten vorgetragen. Denn Macfarlane, erst einunddreißig Jahre alt, zeichnet sich nicht nur durch Belesenheit aus, sondern auch durch eine anschauliche Sprache - samt eigenwilligen Bildern. Den Beginn der Welt beschreibt er als eine Zeit, da Granit herumschwappt wie Haferschleim, Basalt wie Eintopf köchelt und Kalksteinschichten so leicht zusammengefaltet werden wie Wolldecken.

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          "Berge im Kopf. Die Geschichte einer Faszination" von Robert Macfarlane. AS Verlag, Zürich 2006. 320 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 19,90 Euro. ISBN 3-909111-15-7.

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